Wozu sich völlig verausgaben?

Geschätzte Lesedauer: 7 Minuten

Warum Du Deine Grenzen sprengen musst um zu werden, wer Du sein kannst.

Bis an die eigenen Grenzen gehen und weit darüber hinaus. Völlig außer Atem und noch einen drauf geben, noch schneller laufen/schwimmen/fahren. Der Müdigkeit ins Antlitz starren, firm und voller Überzeugung. Sich die Tränen verkneifen, den Schweiß fließen lassen und die eigenen blutenden Wunden ignorieren. Weitermachen. Klingt nicht eben nach den Highlights eines Tages sondern nach Schmerz, nach Mühe, nach Unsicherheit und dem totalen Gegenteil von Komfort und Gemütlichkeit. Wozu das ganze? Was hat es für einen Wert, bis ans Äußerste zu gehen, unnachgiebig mit sich selbst zu sein? Ist das Leben denn nicht schon von alleine anstrengend genug? Muss ich es mir denn auch noch selbst schwer machen? Sicher, es gibt gute Gründe, die dagegen sprechen. Meines Erachtens sprechen die besseren aber dafür. So ist dieser Text entstanden.

Vor der Auflistung der einzelnen Gründe pro Verausgabung einige Zeilen prosaisch. Um zu erläutern, was dieses Thema mir persönlich bedeutet. Denn es ist für mich auch nichts bereits fertiges, gelöstes, ausgereiftes. Es ist ein Thema für mich, es findet ein Prozess bei mir statt in dieser Sache und so ist dieser Text zum Teil auch meine eigene Geschichte mit der völligen Verausgabung.

Eine der heftigsten Erfahrungen in dieser Hinsicht bei mir heute etwa drei Jahre her (Mitte 2015). Ich war mit einem guten Freund beim Laufen. Er eröffnete mir gleich zu Beginn die Ausmaße unseres Tagespensums – 26km, 600 Höhenmeter. Völlig jenseits dessen, was ich zuvor gelaufen war. Ich hielt das daher für einen Scherz und lief einfach neben ihm los. Irgendwann, meine Beine waren schon schwer und mein Atem ging schnell, fragte ich ihn, wie lange es denn noch sei. Wir waren da etwa bei der Hälfte von den 26km. Mir wurde leicht schlecht aber ich lief erstmal weiter. Zunächst ging das auch noch einigermaßen und ich wackelte so durch die Gegend mit immer unsichererem Schritt. Dann aber machten meine Systeme dicht. Mein Atem wurde ungleichmäßig. Mein Herz schlug in aberwitziger Geschwindigkeit. Mir wurde immer wieder leicht schwarz vor Augen. Erst wollte ich das einfach ignorieren aber irgendwann ging es nicht mehr. Die letzten sechs Kilometer trabte mein Laufkollege fröhlich neben mir her während ich durch den Wald torkelte und Schwierigkeiten hatte, mich überhaupt noch vorwärts zu bewegen. Es wurde langsam dunkel und wir hatten kein Wasser mehr übrig. Außerdem wurde es kälter und ich war nicht entsprechend gekleidet.

Was dann passierte werde ich nie vergessen. Die Situation zwang mich dazu, völlig präsent zu sein und mein aller-aller Bestes zu geben einfach nur um auf den Beinen zu bleiben. Und da erlebte ich Hingabe. Ich ließ mich ein auf die Erschöpfung und die Dämmerung und die sinkende Temperatur. Ich wehrte mich nicht mehr dagegen sondern erlaubte dem Moment einfach, zu geschehen. Da empfand ich es als ein wundervolles Geschenk, einfach da zu sein. Die Natur um mich herum nahm ich wahr als wunderschön, noch mehr als sonst. Und es zählte nichts mehr außerhalb des Moments. Es war eine intensive Freiheit, eine tief empfundene Zufriedenheit, ein Zustand von Leichtigkeit und Frohsinn.

Eine andere Situation, eine völlig ander Art eines dennoch ähnlichen Erlebnisses geschah noch zu Schulzeiten. Für einen Kurs musste ich eine Präsentation vorbereiten. Ich hatte das Glück, dass das Thema angefangen hatte mich wirklich zu interessieren (im Gegensatz zu dem meisten anderen an schulischem Geschehen) und ich diese Präsentation deswegen richtig gut machen wollte obgleich sie für die Note nicht besonders wichtig war. An einem Abend saß ich dann besonders lange dran. Meine Familienmitglieder waren zum Teil schon ins Bett gegangen aber ich war noch voll bei der Sache. Und wie ich da so saß und mich konzentrierte und es um mich herum immer ruhiger wurde, erlebte ich eine ähnliche Leichtigkeit wie in oben geschilderter Laufeskapade. Der Widerstand gegen die Verausgabung war verschwunden und ich gab völlig frei mein Bestes. Nichts anderes zählte mehr. Nur dieser Moment und dass ich alles aus mir herausholte für diese Präsentation.

Eine letzte Situation. Das war im ersten Semester meines Studiums. Bevor ich angefangen hatte zu studieren hatte ich eigentlich Schauspieler werden wollen und einigte mich mit mir selbst dann auf den Kompromiss, neben den Studium bei einer Theatergruppe mitzumachen. Gesagt getan. Heuerte an bei der Gruppe ‚TollMut‘, geleitet vom einem gleichermaßen verrückten wie liebenswerten Regisseur-Studenten. Wie es der glückliche Zufall dann wollte, bekam ich eine relativ große Rolle mit viel Bühnenpräsenz. Die Proben für dieses Theaterstück nahmen einen Großteil meines ersten Semesters ein. Ich war ein blutiger Anfänger und der Regisseur hatte seine Mühen, mich zu einem einigermaßen passablen Schauspieler zu machen. Zahlreiche Einzelstunden, in denen er mir beibrachte deutlich zu sprechen und mich selbst auf der Bühne halbwegs wahrzunehmen. Ich glaube ihn hat das ziemlich genervt. Ich muss gestehen ich hatte meinen Spaß. Was für ein Glück, dass es so wenige schauspiellustige männliche Studenten gab, sonst hätte die Rolle wohl jemand anders bekommen.

Am Abend der ersten Aufführung gingen wir alles nochmal durch und ich erlebte diese seltsame Mischung aus Furcht und Vorfreude. Irgendwann war es soweit. Der Zuschauerraum war noch leer als wir Schauspieler auf der Bühne unserer Positionen einnahmen. Nach und nach füllten sich die Plätze und die Spannung nahm zu. Ich lief am Rand der Bühne auf und ab und tat mein Bestes, die Zuschauer auszublenden. Dann schaltete die Beleuchtung um und die Show begann. Als ich zu meinem ersten längeren Monolog ansetzte war es wieder da, dieses Gefühl. Völlige Präsenz. Flow. Jegliche Furcht hatte sich einfach verflüchtigt dieser freudvolle Zustand hatte sich eingestellt. Ich spürte die Verbindung mit dem Publikum, erlebte meinen Auftritt nicht so sehr als Darbietung sondern als Kommunikation mit den Zuschauern und war mehr als zufrieden mit mir.

Jetzt aber genug von den Geschichten aus meinem Leben. Kommen wir zu den Gründen für die Verausgabung.

Du kannst Deine Potentiale ausschöpfen

Du weißt nicht, wie weit Du kommen kannst, bis Du versucht hast weiter zu kommen als möglich. Verausgabung heißt, Grenzen zu überschreiten. Erst wenn Du merkst, dass es nicht mehr weiter geht, hast Du eine Grenze gefunden. So lernst Du Dich selbst kennen. So lernst Du die Welt kennen. Nach und nach kannst Du das Territorium ausloten und Stellen finden, an denen weitere Möglichkeiten vorhanden sind. Verausgabung führt Dich weit aus Deiner Komfort Zone heraus und ins Leben hinein. Dort, wo es unsicher wird, wo Du Dich auf fremdes Gebiet begibst, da wird es so richtig spannend. Und wenn Du zurück kommst, ist Deine alte Welt nicht mehr dieselbe. Jeder Schritt hinein in die Verausgabung bringt eine neue Erfahrung. Die Komfort Zone erweitert sich. Die Möglichkeiten nehmen zu. Einfach weil Du Dich selbst bis ins Äußerste streckst und strapazierst wächst Du und erlebst neue Erfahrungen.

Du erlebst keine Reue

In zwanzig Jahren bist Du eher enttäuscht von Dingen die Du nicht getan hast als von denen, die Du getan hast. Die Verausgabung heißt ‚Leben am Limit‘. So abgedroschen solche Sprüche klingen mögen. Wenn Du alles aus Dir heraus holst hast Du kaum die Gelegenheit dazu, irgendetwas zu bereuen. Du bist viel zu sehr damit beschäftigt, zu leben. Ein Lebensstil, der davon geprägt ist, regelmäßig an Grenzen zu gehen, führt zu völlig neuen Perspektiven. Wenn ständig viel passiert, dann hat die Aufmerksamkeit gar nicht den Raum, sich Horrorszenarien auszumalen. Du bist viel zu sehr davon eingenommen, die neuen Eindrücke zu verarbeiten und zu integrieren.

Wer über sich hinaus wächst, der hat keinen Platz im Leben für viel Reue. Es ergibt sich einfach nicht. Es ist dann kein realer emotionaler Zustand.

Deine Komfort Zone wächst

Eben schon angesprochen. Verdient aber einen eigenen Punkt. Dich zu verausgaben führt Dich in neue Gefilde, in neue Fahrwasser. Du begibst Dich in Bereiche, die Dir unheimlich waren. Erlebe Dich selbst in neuen Situationen. Damit geht natürlicherweise einher der Prozess der Erweiterung der entspannten Bereiche. Was schwer war, ist jetzt leicht. Wenn Du Deinen ersten (Halb-)Marathon absolviert hast sind anschließend zehn Kilometer ein Kinderspiel. Wenn Du eine Rede vor 10.000 Leuten gehalten hast, fühlt sich das 100 Mann Publikum auf einmal sehr gemütlich an. Je mehr derart Du erlebst, desto wohler fühlst Du Dich im Leben. Denn Du weißt, dass schon eine Menge passieren muss, um Dich aus der Ruhe zu bringen.

It’s a numbers game. Je mehr Du machst desto mehr gelingt

Wer Dinge macht, der macht Fehler. Das ist unausweichlich. Wer nichts macht, der macht keine Fehler. Einfache Logik. Je mehr Du machst, desto mehr Fehler kannst Du machen. Aber Du machst auch mehr richtig. Die absolute Zahl Deiner Siege steigt. Auch wenn Du prozentual vielleicht sogar noch mehr Rückschläge erlebe als wenn Du wenig machst, steigt mit der Nummer Deiner Versuche trotzdem automatisch die Zahl Deiner Siege. Wer an einem Abend 30 Frauen anspricht, wird mehr positives Feedback bekommen als der, der 3 anspricht. Try. Fail. Try again. Fail again. Fail better.

Grenzerfahrungen formen Dich zu dem, der Du sein kannst

Dich zu verausgaben heißt, an Deine äußersten Grenzen zu gehen. Du kommst an den Punkt, an dem Du glaubst, nicht mehr weiter zu können. Genau hier musst Du nochmal einen Gang hochschalten und noch kräftiger Gas geben. Es tut weh. Es macht keinen Spaß. Aber es bringt weiter. Es formt. Es bringt zum Vorschein den innersten Kern des eigenen Seins. Dich selbst zu gestalten. Das passiert in diesen Momenten. Und die Überwindung des Schmerzes, der Unbequemlichkeit, ist der wichtigste Teil auf diesem Weg. Das schöne ist: Wenn Du dort ankommst, merkst Du sofort, dass es sich gelohnt hat. Bisweilen erlebe ich das als das Aufkeimen einer besonderen Atmosphäre, die genau an dieser Stelle zum Vorschein kommt. Bin an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Habe eine Reise zurückgelegt durch meinen eingebrachten Einsatz.

Es passiert hier etwas besonderes, das man selbst erlebt haben muss, um es zu begreifen. Ein Versuch, die angedeutete Erfahrung bestmöglich zu skizzieren: Es handelt sich um eine Begegnung mit inneren Kernelementen, wie sie sonst in hochemotionalen Situationen vorkommen. Es ist als ob der Druck der außergewöhnlichen Situation eine innere Reaktion der Hingabe auslöst, etwas aufflammen lässt von ursprünglicher Seinsart, die dann sich zeigt in Gestalt von Bildern, von Atmosphären oder Stimmungen. Man trifft dabei auf etwas sehr Vertrautes, ureigen Inneres; zugleich auf eine völlig neue Facette genau dessen. Man lernt sich selbst auf eine neue Art und Weise kennen.


Abschließende Gedanken

Sich völlig zu verausgaben, das ist für mich ein Lebensgefühl. Das klingt pathetisch, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich übertreibe nicht. Zugleich muss ich die Aussage relativieren. Es handelt sich um ein Lebensgefühl, das ich noch nicht kontinuierlich empfinde. Es gibt die Momente meiner völligen Verausgabung und die Zeit danach. Das ist wie Sex und der anschließende innere Frieden. In diesen beiden Phasen ist besagtes Gefühl jeweils besonders intensiv. Das ist für mich wie ein heiliger Bereich. Der ist an keinen bestimmten Ort gebunden. Es fühlt sich einfach so an. Ich weiß, dass ich dort bin. Es ist ein Bereich von Klarheit und Energie, von Zufriedenheit und Einsicht.

Aber es gibt auch (noch) Momente zwischen diesen Phasen der Verausgabung. Momente, in denen ich mich nicht verausgabe und mich auch nicht erhole, die ich als wenig erfüllend erlebe und in denen ich mich schwer tue, das Leben zu genießen. Das passiert. Doch ich finde auch damit meinen Frieden. Denn ich bin auf dem Weg. Und wenn ich mich in einem solchen Moment finde, dann lasse ich ihm seinen Raum und freue mich darüber, dass Momente dieser Art immer seltener werden.

Polarität auskosten zwischen Verausgabung und Erholung. Alles zu geben und dann zu schweben und zu genießen. Das gesamte Spektrum erleben. Verausgabung bringt Lebendigkeit und Erfahrungsreichtum. Hast Du Lust, Deine Potentiale auszuschöpfen und das Leben Deiner Träume zu gestalten? Dann melde Dich gerne über die Kontaktseite für ein Coaching.

Bis zum nächsten Mal

Dein Lion

Kommentare gerne an kontakt@lionlogert.com.

8 Gedanken zu „Wozu sich völlig verausgaben?

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