Strategischer Pessimismus

Negatives Denken: Wider der Stimmungsperfektion.

Zunehmend häufig begegnet man Menschen, die nach Außen hin stets den Eindruck natürlicher Hochstimmung und allgemeiner Sorgenfreiheit vermitteln. Immer gut gelaunt. Immer lächelnd. Fröhlich. Unverbindlich. Zuversichtlich. Stolz auf die Reputation, jeder Lebenslage mit Optimismus und Wohlgefallen zu begegnen. Was zunächst durchaus als angenehm und auch erstrebenswert erscheint, zeigt sich mehr und mehr als krankhaft: Es ist verpönt, schlecht gelaunt zu sein. Und hierbei geht es noch nicht um längerfristige Stimmungstiefs, geschweige denn Depressionen. Bisweilen dreht es sich um nichts weiter als das, was man im Volksmund als schlechten Tag bezeichnen würde.

Wenn es dem heutigen Menschen schlecht geht, dann ist ihm das peinlich. Das zweifelhafte Ideal des dauergrinsenden, stromlinienförmigen Schema-F Charakters ohne Rückgrat, ohne Ecken und ohne Kanten ist zum kategorischen Imperativ mutiert. Man spielt Verstecken mit der eigenen Persönlichkeit. Distanziert sich von den mangelhaften Teilen des Selbst, die psychologischen Schmerz empfinden. Man konzentriert sich ausschließlich auf die Sonnenseiten des Lebens, auf all dasjenige, was im Instagram Profil auftauchen darf. Wenn während einer Autofahrt die Warnlampe für den Ölstand aufleuchtet, dann klebt man ein Pflaster darauf und erfreut sich am vollen Tank und an dem guten Wetter. Immer positiv bleiben, positiv denken, bitte.

Man kann dem ‚positiven Denken‘ jedoch gewaltig auf dem Leim gehen. Wie das? -Indem man Sorgen, Probleme und persönliche Themen konsequent ausblendet, sie sich verbietet in der Überzeugung, sie wären widerspenstige Stachel im Fleisch und nicht Teile der eigenen Persönlichkeit. Man entfremdet sich vom Selbst und man trifft schlechte Entscheidungen aufgrund unzureichender Risikoabwägung (Risiken überhaupt in Betracht zu ziehen wäre ja bereits gegen die Regeln des streng positiven Denkens). Man ignoriert alle Warnsignale. Und irgendwann ist es zu spät.

Der strategische Pessimismus ist ein Werkzeug, ein Antidot, um diesen Begleiterscheinungen konstruktiv entgegenzuwirken. Indes kann ihn natürlich auch derjenige effektiv einsetzen, der noch nicht von den ungesunden Nebenwirkungen des positiven Denkens betroffen ist und sich für einen intelligenten Umgang mit Problemen und persönlichen Themen interessiert.

Im Folgenden sind in Teil 1 zunächst die Vorzüge des strategischen Pessimismus zu erläutern. Im Anschluss daran gibt der Text in Teil 2 Methoden an die Hand, um den strategischen Pessimismus praktisch zu implementieren.

Teil 1: Vorzüge des strategischen Pessimismus

Frieden finden mit unangenehmen Emotionen

Psychologische Schmerzen in Gestalt unangenehmer Emotionen zu akzeptieren, zu ertragen und mit ihnen umzugehen, sie schließlich erfolgreich in die eigene Biographie zu integrieren – das sind notwendige Teilaspekte eines vollständig gelebten Lebens. Diese unangenehmen Gefühle erleben wir dann, wenn die Dinge nicht so verlaufen, wie wir sie gerne hätten. Unsere Erwartungen an die Realität werden enttäuscht. Wer sich die Mühe macht und Ziele setzt, um seinen Status Quo nach eigenen Vorstellungen neu zu gestalten, der sieht sich früher oder später mit diesen Schmerz konfrontiert. Diesen Schmerzen kategorisch auszuweichen bedeutet auch, sich einen großen Teil des Spektrums möglicher Erfahrungen ersatzlos zu streichen. Eine solche Herangehensweise ist wie präventiv eingenommenes, mentales Antibiotikum: man entgeht all dem Schlechten genau wie all dem Guten. Die Höhen und Tiefen verschwinden. Die persönliche Biographie plätschert langweilig dahin.

Wer hingegen in der Lage ist, auch schmerzhafte Abschnitte der Lebensreise zu durchstehen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen, dem eröffnen sich Optionen für exotische und horizonterweiternde Erfahrungen. Der strategische Pessimismus dient als Navigationsinstrument für eben solche Lebensabschnitte.

Den persönlichen ‚Rock Bottom’ ausloten

‚Rock Bottom‘ – Das ist einer dieser englischen Begriffe, für die mir noch keine befriedigende Übersetzung eingefallen oder begegnet ist. Der Begriff meint etwas wie den völligen Tiefpunkt. Dort, wo man verzweifelt und völlig am Ende ist. Der individuelle Super-GAU. J. K. Rowling, die Autorin der Harry Potter Bände, bezeichnete den Rock Bottom einst als das solide Fundament, auf dem sie ihr Leben neu errichten konnte. Wenn man dieses düstere Szenario kennt, dann kann man mit ihm umgehen. Der strategische Pessimismus wirkt wie eine psychische Impfung. Man beschäftigt sich mit Sorgen und Ängsten, und bereitet sich mental darauf vor, wird immun. Sollte „Rock Bottom“ dann eintreffen, erwischt es nicht mehr eiskalt, man ist emotional gewappnet.

Risiken und Probleme erkennen

Wer weiß, was schief gehen kann, der kann sich darauf vorbereiten. Man testet vorab die ungewollten, aber möglichen Folgen einer anstehenden Entscheidung. Dadurch kann man Taktiken entwickeln, um bei Eintreffen dieser Folgen entweder Alternativmaßnahmen zu ergreifen oder aber die Folgen direkt zu adressieren. Man entwirft eine Landkarte, die auch die unbeliebten Gebiete abbildet und dazu befähigt, durch diese zu navigieren oder ihnen auszuweichen.

Teil 2: Methoden für die Implementierung des strategischen Pessimismus

Negatives Denken praktizieren.

Alle Ängste und Sorgen in all ihren Ausformungen durchexerzieren. Den „Rock-Bottom“ skizzieren. Die mentale Impfung. Negative Folgen-Verästelungen einer möglichen Entscheidungen nachvollziehen. Man kann das zum Beispiel im Tagebuch niederschreiben oder visualisieren oder optisch darstellen, je nach persönlicher Präferenz.

Man kann hierbei gerne auch extrem werden. Das hat zwei Vorteile: Erstens wird fast nichts so schlimm, wie man es sich vorstellen kann. Die zu 40 % eingetretene Katastrophe vermag nur wenig zu beeindrucken, wenn man auf 100 % vorbereitet war. Zweitens kann es durchaus amüsant sein, sich all die abwegigen Szenarien vor Augen zu führen. Eine Prise Humor hilft bei diesen Prozessen sehr.

Sich anderen Menschen anvertrauen

Offenbaren, dass man Sorgen und Ängste hat. Im Moment der Aussprache erlangen diese emotionalen Spannungen bereits eine Erleichterung. Dadurch, dass jemand anders nun eingeweiht ist, ist man nicht mehr alleine; die meisten Menschen fühlen sich bereits dadurch wesentlich freier. Schildert man sein extrem schillerndes Super-GAU Szenario, die 100 %-ige Katastrophe, kann man wahrscheinlich herzlich darüber lachen. Im Zwiegespräch entwickeln sich die Gedanken zudem anders als im eigenen Kopf. Augenblicklich wird man sich der Abwegigkeit mancher Horrorfantasien gewahr, die bis dato noch sehr realistisch erschienen. Das Gegenüber kann Perspektive vermitteln und aufzeigen, wie unwahrscheinlich manches ist aber auch, welche Risiken man möglicherweise noch nicht bedacht hat.

Darüber hinaus ist es für viele Menschen eine interessante Erfahrung, wenn jemand offen mit seinen Ängsten umgeht. Das gibt ihnen die Freiheit, eigene Themen und Probleme anzuerkennen und sich nicht vor ihnen zu verschließen.

Die Seneca Methode.

Es heißt, Seneca habe regelmäßig für einige Tage gelebt wie ein verarmter Obdachloser. Er trug dann abgewetzte Kleidung, aß Reste und schlief auf der Straße. Dabei beschäftigte er sich mit der Frage: ist das das, wovor ich so große Angst habe? Man muss nicht so extrem wie Seneca, kann aber eine persönliche Variante solcher Tage verbringen. Diese Erfahrung ist zwar künstlich – man kann schließlich stets zurückkehren in sein ‚normales‘ Leben – zeigt aber dennoch, dass man mit dieser Lage umgehen kann, dass sie unangenehm ist aber eben nicht tödlich oder anderweitig endgültig. Selbst wenn die schlimmsten Befürchtungen eintreffen sollten, kann man von dort aus weitermachen und zur Not von Vorne anfangen. Man erkennt, dass die äußeren Umstände nicht allein ausschlaggebend sind für das innere Wohlbefinden.

Abschließende Gedanken

Das positive Denken hat eine Daseinsberechtigung, birgt aber auch Gefahren. Wer die blinkende Öllampe im Armaturenbrett ignoriert und sich an seinem vollen Tank erfreut, dessen Fahrt wird bald enden. Der strategische Pessimismus ist ein Werkzeug, um Risiken und Probleme zu erkennen und mit ihnen umzugehen.


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Bis zum nächsten Mal

Dein Lion