Sind Extravertierte die besseren Menschen?

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Über extreme Persönlichkeiten und Synergien.

Sie ist derzeit in aller Munde, die Einteilung der menschlichen Persönlichkeiten und Introvertierte und Extravertierte. Der Introvertierte ist lieber allein, verbringt seine Zeit für sich, braucht niemanden um sich herum und findet Gesellschaft oft anstrengend. Der Extravertierte fühlt sich alleine schnell unwohl, möchte stets viele Menschen um sich haben und knüpft leicht Kontakte. Ist einer dieser Charakterzüge dem anderen vorzuziehen?

Laut aktueller Zeitschriftenkultur scheinen die Introvertierten auf dem Vormarsch zu sein. Ein Titelblatt sprach kürzlich von der ‚Stärke der Stillen‘. Sind die Introvertierten den Extravertierten in irgendeiner Weise überlegen? Sind sie die besseren Menschen?

Man könnte evolutionsbiologisch argumentierend den Extravertierten den Vorzug einräumen. Der Mensch ist seit jeher ein Herdenwesen. Dauerhaft erfolgreiche Einzelgänger sind in der Menschheitsgeschichte rar bis nicht existent. Die vereinzelten Vorkommen waren Ausnahmen. Meist ausgestoßene, die fortan nicht lange überlebten. Studien haben erwiesen, dass Babies ohne zwischenmenschlichen Kontakt zugrunde gehen.

So gesehen ist Introvertiertheit ein Novum. Eine dekadente Erscheinung der Moderne. Wer introvertiert ist, sollte froh sein, dass er es sich leisten kann. Das wäre früher nicht gegangen. Ein echtes Luxuswesen. Aber ist das alles? Natürlich nicht. Bereits das polarisierende Begriffspaar ‚introvertiert‘/‚extravertiert‘ blendet aus, dass die Wirklichkeit aus Schattierungen besteht. Extreme kommen selten vor. Zwischen intro- und extravertiert gibt es ein gigantisches Spektrum an Persönlichkeitstypen. Und in dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Gegensätzen verhält sich das Individuum nicht statisch. Der Mensch wird nicht auf einem Punkt der Geraden zwischen den Polen sesshaft. Seine Intro-/Extra-Vertiertheit ist abhängig von Zeit, Ort, Stimmung und anderen Faktoren des jeweiligen Kontexts. Fast jeder hat bestimmte Vorlieben und fühlt sich auf einer Seite des Spektrums besonders wohl. Davon abgesehen bewegt sich der Mensch stets durch verschiedene Modi und bleibt dynamisch. Panta rhei. Alles fließt. Wie immer.

Ist nun ein Modus überlegen? Könnte man sagen, dass der Introvertierte, der seine Dinge gerne tiefer durchdenkt und still und konzentriert seine Angelegenheiten besorgt, tatsächlich im Vorteil ist in einer oberflächlich geprägten Welt, die sich durch extrem kurze Aufmerksamkeitsspannen auszeichnet? Der Introvertierte verfügt über Stärken, die ihm heutzutage einen Vorsprung verschaffen können. Wenn er dann den Sprung in die Außenwelt wagt, sticht er dort durch seine Einzigartigkeit hervor. Selbst wenn es ihn Energie kosten wird, sich lange in einer extravertiert geprägten Umgebung aufzuhalten. Er verfügt dort über ein Alleinstellungsmerkmal.

Es zeigt sich der Vorteil des reinen Andersseins. Wer anders ist, der verhält sich anders und erzielt entsprechend andere Ergebnisse. Er muss nicht ‚outside the box‘ denken. Er war nie in der Box.

Und die Extravertierten? Sind sie vorerst außen vor? Sind die klischeehaften Verkäufer und Alleinunterhalter jetzt aus dem Rennen? Wenn es darum geht, Kontakte zu knüpfen und Ideen zu kommunizieren, sind extravertierte Persönlichkeiten den introvertierten überlegen. Doch lassen wir hier für einen Moment ab von der polemisierenden Interpretation eines Wettkampfes. Betrachten wir dieses Spiel stattdessen aus einer anderen Perspektive: Die Macht der Kooperation prägt das Menschliche Leben. Zusammen erreichen wir mehr als allein. Diese Wahrheit ist nicht mehr so pauschal wie früher; es gibt heute mehr Möglichkeiten für den einzelnen, etwas zu bewirken. In der Regel aber entstehen die großen Errungenschaften durch das Zusammenspiel vereinter Kräfte.

Das Erfordernis und die Chancen für ein gedeihliches Miteinander der verschiedenen Charaktertypen wachsen. Damit das funktioniert, müssen Menschen effektiv miteinander kommunizieren. Ray Dalio, der Gründer von Bridgewater Associates, spricht in seinem Buch ’Principles’ von ‚radical truth‘ und ‚radical transparency’ – radikale Wahrheit und radikale Transparenz. Es braucht Offenheit und Klarheit im menschlichen Miteinander, um optimale Ergebnisse zu erzielen und Fortschritte zu verzeichnen. Intrigen und Feindschaften führen in Gruppen jeder Art – Familien, Gemeinden, Unternehmen u.a. – zu signifikanten Nachteilen. Gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten setzt voraus, sich darüber auszutauschen, sich gegenseitig zu befruchten und einander hochzuschaukeln. Man muss eine Verbindung zueinander herstellen. Man muss sich für Kritik öffnen und Toleranz üben gegenüber den Schwächen der Kooperationspartner.

Um gemeinsam etwas zu erreichen, braucht es eine gesunde Balance zwischen aufgabenorientiertem Einsatz und beziehungsorientiertem Miteinander. Wenn ein Team diese Faktoren beherzigt, kann es die Ideen und Fähigkeiten der einzelnen optimal bündeln und zu einem gelungenen Endprodukt destillieren.

Indes: Zuviel Harmonie tut auch nicht gut. Heraklit bezeichnete den Krieg als Vater und König aller Dinge. Das konfligierende Zusammenspiel und das Aufeinanderprallen der Polare. These, Antithese, Synthese. So entsteht das Meisterwerk. Es grüßt uns die duale Natur des Universums. Man muss den Konflikt nicht suchen, sollte ihn nicht um seiner Selbst willen anzetteln aus purer Freude am Streit. Aber man sollte ihm auch nicht ausweichen. Wenn er auftaucht hat man sich ihm zu stellen. Vielleicht löst er sich dann auf, vielleicht muss man kämpfen. Nur so gelingt Fortschritt.

Im Ergebnis zeigt sich: introvertiert und extravertiert sind eine Spielart der omnipräsenten Dualität des Seins an sich. Heiß und kalt. Hell und dunkel. Weich und hart. Die Polare stehen sich gegenüber. Keinem der beiden Charaktertypen gebührt der Vorzug. Mit Erstaunen mag man feststellen, dass heute beides funktioniert. Der Mensch kann heute als Einzelgänger (über)leben. Das ist ein relativ neuer Trend in der Menschheitsgeschichte. Für den interessierten steht aus zu ergründen, welche Aspekte unserer kollektiven Entwicklung es sind, die dieses Phänomen hervorgebracht haben und welche Folgen diese im Übrigen nach sich ziehen werden.

Jetzt ist der einzelne und sind wir als Gesellschaft angehalten zu erkennen und anzuerkennen die jeweilige persönliche Präferenz im Bereich zwischen introvertiert und extravertiert. Und ebenso angehalten zu streben nach einem gedeihlichen wie fortschrittlichen Miteinander der gegensätzlichen Charaktertypen.

Bis zum nächsten Mal

Dein Lion

Kommentare gerne an kontakt@lionlogert.com.

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