Quer gedacht. Mehr gelacht. Recht gehabt.

Die Geschichte eines beinahe illegalen Freigeistes und: Warum ich froh bin, Jurist zu sein.

Dieser Text ist für mich vergleichsweise persönlicher Natur. Er handelt davon, wie ich auf Arten und Weisen von der juristischen Ausbildung profitierte, die ich keineswegs vorausahnte. Er vermag Aufschluss darüber geben, warum ein nonkonformistischer Querdenker ein Jurastudium auf sich nehmen kann und welche Vorteile ihm das bringt, obgleich er nicht oder nicht dauerhaft in entsprechender Profession tätig sein wird.

Vorweg kurz zu den Hintergründen: Ein Querdenker wird Jurist, na und?- nein, das hier wird keine Geschichte von all den widrigen Anfangsvoraussetzungen und davon, wie ich es am Ende nach viel Schweiß und Tränen dann doch geschafft habe, um Dich davon zu überzeugen, dass Du das mit meiner Hilfe auch bewerkstelligen kannst. Überhaupt nicht.

Es geht darum: Bestehende Systeme hinterfragen; nach besseren Alternativen suchen; Dinge einfach mal anders machen, weil anders besser sein könnte – das ist mein Grundmodus. Hinzu kommen ausgeprägte kreative, expressive und extravertierte Persönlichkeitsanteile (Ja, extr-A-vertiert. ‚Extr-O-vertiert‘ ist entstanden in Angleichung an ‚introvertiert‘. Die Vorsilbe lautet aber ursprünglich extra). Nach dem Abitur schwankte ich zwischen Jura, Psychologie und Schauspielschule. Nicht übermäßig geradlinig, in viele Richtungen strebend, unentschieden.

Für eine juristische Ausbildung eher ungünstig. Um Jurist zu werden, ist es vorteilhaft, konservativ linear zu denken und sich an alt bewährten Strukturen zu orientieren. Eine Abneigung gegen den Blick über den Tellerrand ist durchaus nicht verkehrt. Man führe sich die übliche Reaktion des Verwaltungsjuristen auf Änderungsvorschläge zu Gemüte: „Das haben wir schon immer so gemacht! Da könnte ja jeder kommen! Wo sollen wir denn da hinkommen?!“ Ich machte im Rahmen meiner Ausbildung daher einige Umwege und verspürte in manchen Lernstunden das Bedürfnis, einfach 08/15 zu sein. Aber keine Chance. Meine Querdenke ist Teil meiner Natur, tief in meiner DNA verwurzelt. Und ich mag es, so zu sein. Was ich indes auch mag, sind komplexe Strukturen, knifflige Denkaufgaben. Latein und Mathematik gefielen mir immer. So fing ich an, Jura zu studieren. Ohne Anwalt oder Richter werden zu wollen. Einfach nur, weil ich es für richtig hielt.

In folgendem Text erfährst Du, warum ich schlussendlich sehr froh bin, es getan zu haben:

1. Über den gesunden Umgang mit Strukturen a.k.a. sauber arbeiten

Benutze Strukturen, sonst benutzen Strukturen irgendwann Dich.‘ Dieser Satz schoß mir eines Tages durch den Kopf und erklärte mir augenblicklich einen Großteil meiner Beweggründe. In manchen Momenten verhalte ich mich nämlich sehr chaotisch. Und gelegentlich sagt man mir, ich wirke verplant. Ganz falsch ist das nicht. Als mich als Kind jemand fragte, was ich am liebsten machen würde, soll ich gesagt haben, ich wolle den ganzen Tag lang nachdenken. Süß, oder? Und ich gebe mich noch heute in manchen Stunden liebend gern dem Fluss meiner Gedanken hin. Dann schaue ich verträumt durch die Gegend, bin mitunter für einige Momente so gut wie gar nicht ansprechbar und verliere völlig den Sinn für Zeit. In diesen Momenten habe ich häufig meine besten Ideen. Denn wenn ich meine Synapsenspannung herunterfahre, die Gedanken kommen und gehen lasse, dann arbeitet mein Unterbewusstsein wunderbar für sich und präsentiert mir schließlich seine faszinierendsten Resultate. Soweit so gut. In früheren Jahren tendierte ich nicht ganz selten zu einem kleinen Übermaß solcher mentalen Müßiggänge. In den Tag hinein leben. Die Dinge sich entwickeln lassen. Entspannt unterwegs sein. Auch wenn ich mir damit immer mehr selbst auf die Nerven ging, änderte ich nicht sofort etwas daran.

Die juristische Ausbildung hieß für mich, beinahe ausschließlich in festen Strukturen zu denken. Denken im rechten Winkel, könnte man sagen. Für diesen Zweck ist die Juristerei eine exzellente Übungsarena. Geradezu militärisch müssen die immer selben Denkprozesse durchlaufen werden. Im Rahmen des kaufrechtlichen Gewährleistungsrechts zum Beispiel prüft man immer wieder die Punkte Vertragsschluss, Mangelhaftigkeit, Fristsetzung; selbst wenn einer von diesen völlig offensichtlich erscheinen mag. Die Gründlichkeit und Genauigkeit des Denkens sind Grundvoraussetzung, um die Juristerei zu meistern. Ein Professor meinte gar einst zu mir, ich möge bei meiner Klausurbearbeitung künftig etwas spießiger und pingeliger vorgehen, das würde mir sehr helfen. Im ersten Augenblick erschien mir das wie ein völlig abstruser Ratschlag. Ich wollte keinesfalls spießig und pingelig werden. Doch ich erkannte, was der gute Mann meinte – ich musste mir angewöhnen, sauber zu arbeiten. Und ich erkannte, dass ich je nach Kontext sauber, also spießig und pingelig arbeiten konnte ohne eine spießige, pingelige Person zu werden. Daher verstärkte ich diese Fähigkeiten, um meine Ausbildung erfolgreich beenden zu können. Immer wieder verspürte ich zwar heftige Abneigung gegen diesen denkenden Gehorsam, gegen diese Routine und diese Gleichförmigkeit. Gleichzeitig konnte ich dem aber auch etwas abgewinnen. Goethe sprach einst, die Juristerei sei wie Bier – zuerst schaudert man davor zurück, doch dann kann man nicht mehr davon lassen. Nun, ich kann dem Herren durchaus zustimmen.

Zunehmend hegte ich Wertschätzung dafür, in klaren Strukturen zu denken und Strukturen zu erschaffen für meine eigenen Angelegenheiten. Als Beispiel möchte ich hier ein geliebtes Hobby von mir anführen: die Kalligraphie. Die Kalligraphie braucht einen ‚formellen Sockel‘, wie mein Kalligraphielehrer Werner Winkler es nennt. Bevor ich mich beim Schönschreiben kreativ austoben kann, muss ich mir ein Grundverständnis davon aneignen, wie Buchstaben konstruiert sind und wie ein Text aussehen muss: Abstände zwischen Buchstaben, die Höhe der einzelnen Buchstaben, der frei Platz zwischen Text und Blattrand als Rahmen. Erst dann kann ich meine Muse einfließen lassen. Strukturen zu etablieren anwenden zu können erleichtert es auch dem radikalen Querdenker, eigene Projekte erfolgreich in die Tat umzusetzen.

2. Selbstüberwindung

Um weiter zu kommen, muss man die eigenen Grenzen überschreiten. Das ist nicht immer schön. Häufig bereit es Schmerzen. Die juristische Materie zu durchdringen kostete mich einiges an Selbstüberwindung. Solange man es aber nicht völlig übertreibt und den Burnout riskiert, ist Selbstüberwindung wie ein Muskel, der stärker wird durch Übung.

Einst las ich dazu den Satz, dass der Erfolg eines Menschen davon abhängt, wie viele unangenehme Gespräche er bereit ist zu führen. Der Satz zielt vordergründig auf Konversationen mit anderen Menschen. Man muss sich durchsetzen, seinen Standpunkt vertreten, muss sich Konflikten und Kritikern stellen. (Einige werden hier das Gegenteil behaupten – Kreidefressen sei angesagt. Viel Spaß dabei. Nicht mein Metier.) Für innere Dialoge gilt dies indes genau so. Wir sind beständig im Gespräch mit uns Selbst. Wir verhandeln mit uns selbst über den Besuch im Sportstudio, über die Kalorien der nächsten Mahlzeit, über die Relevanz des zur Morgenstunde klingelnden Weckers. ‚Gebe nicht auf, was Du möchtest für das, was Du jetzt möchtest.‘ Um Erfolg zu haben, muss man in den unangenehmen Dialog mit sich selbst eintreten und sich gegen sich selbst durchsetzen. Die Extrameile laufen. An manchen Tagen einfach nur aus dem Bett kommen. Es ist nicht einfach, erfolgreich zu werden. Sonst würde es jeder tun. Im Rückblick aber ist der Akt der Selbstüberwindung eines der befriedigendsten Dinge in einem Menschenleben. Woher weißt Du, wie weit Du kommen kannst, bevor Du Grenzen übertrittst und Dich in die unerforschten Gegenden Deiner Welt begibst, um dort herauszufinden, wer Du wirklich bist und sein kannst?

Die juristische Ausbildung war durchzogen von sehr vielen Momenten, in denen ich mit mir verhandeln musste, in denen ich mich überwinden musste, um nach dem Abendessen noch eine weitere Lerneinheit einzulegen, noch eine weitere abstrakte Meinungsstreitigkeit in mein Gehirnwindungen zu quetschen. Das war eine ausgezeichnete Übung. Heute weiß ich (besser), wie weit ich gehen kann und erkenne, wann eine Pause einzulegen ist. Die Erfahrung der völligen Verausgabung verschafft Selbsterkenntnis und die Bereitschaft, eigene Potentiale bis zuletzt auszuschöpfen.

3. Einsatz von Intelligenz und präzises Denken

Als junger Mensch hatte ich Freude an dem, was Intelligenz benötigt und herausfordert. Diskussionen, die auf einem für mein Alter hohen Niveau stattfanden. Zahlen, Gleichungen und Kopfrechnen. Rätsel in Detektivgeschichten. Erinnere mich daran, wie die Freunde meiner Eltern von mir fasziniert waren, weil ich mich so differenziert ausdrücken konnte. Als Teenager wollte ich dann irgendwann lieber ‚cool‘ sein als intelligent. Beides gleichzeitig funktionierte nach meiner damaligen Ansicht nicht. Daher gewöhnte ich mir eine unsägliche Gleichgültigkeit an, die mir zu dieser Zeit vorkam wie die ultimative Coolness. Zurückblickend kann ich mir dafür mehr als verzeihen. Ich wollte dazu gehören, wie wohl jeder in diesem Alter. Und zu diesem Zweck waren meine ‚nerdigen‘ Persönlichkeitsaspekte wenig zielführend.

Am Ende meiner Teenagerjahre bewegte ich mich wieder zurück in die vertrauten Gefilde. Ein Satz, der wohl für alle Fähigkeiten gültig ist, fand bei mir glücklicherweise Widerhall: „If you don’t use it, you lose it.“ – Wenn Du sie (die Fähigkeit) nicht nutzt, verlierst Du sie. Nun lässt sich trefflich darüber streiten, wieviel Jura mit Intelligenz zu tun hat. Auf weiten Strecken ist es ein Fach zum auswendig lernen. Man muss bestimmte Denkroutinen einüben, nicht notwendig viel selbst nachdenken. Selbst Argumentationsmuster, die für die Klausuren wichtig sind, lassen sich ins Kurzzeitgedächtnis befördern, von wo sie sich wenig später wieder verflüchtigen. Gleichwohl macht Intelligenz das Unterfangen der juristischen Ausbildung jedenfalls leichter. Zudem kann man an die Juristerei auch bewusst unter Einsatz von Intelligenz herangehen und es anstreben, die Zusammenhänge zu begreifen. Parallelen zwischen den Rechtsgebieten erkennen. Unterschiede zwischen den Verfahrensgrundsätzen nachvollziehen. Teleologische Auslegung einer Norm verbunden mit der Suche nach ihrem Zweck. Es machte sogar Spaß, als nach und nach das Gesamtgebilde erkennbar wurde. Die Klüfte zwischen den geregelten Materien ausloten, in denen sich die interessante Lebenswirklichkeit abspielt. Probleme verstehen. Prozessuale Taktiken ausklügeln.

Zurück zum Thema: Präzises Denken. Feinste Unterschiede erkennen. Den Verstand nutzen wie ein Skalpell, um einen Sachverhalt zu sezieren. Üben, mit dem Verstand gezielt umzugehen. All das brachte mir die Juristerei. Sie diente mir als Arena für Übung und Einsatz von Intelligenz und Verstand.

4. Arbeitsmoral und Professionalität

Aus Steven Pressfields War of Art lernte ich einst, was den Amateur vom Professionellen unterscheidet: Der Profi macht sich auch dann an’s Werk, wenn ihm nicht der Sinn danach steht. Wenn er müde ist, Stress hat, wenn der Hals kratzt. Es gibt keine Entschuldigungen. Der Profi taucht auf. Am Schreibtisch, in der Arena, auf dem Spielfeld. Tag für Tag. Es gibt gute und schlechte Momente. Und es gibt die besten nicht ohne die schlechtesten. Rosinenpicken funktioniert hier nicht. Alles oder nichts.

Hierzu nochmal eine persönliche Geschichte: Dinge anzufangen und abzubrechen. Das war ein wiederkehrendes Motiv in meiner Kindheit und Jugend. Klavierstunden. Kampfkunst Unterricht. Programmieren. Vieles begann ich und fast alles beendete ich nach einem Jahr wieder. Nach einer anfänglichen Begeisterung verflüchtigte sich mein Interesse jeweils blitzartig und zurück blieb die Abneigung gegenüber jedweder weiteren Beschäftigung. Der Rekord lag bei drei Jahren Kung-Fu. Ich hatte das Glück, zu erkennen, dass eine solche Herangehensweise langfristigem Wachstum abträglich ist. Denn ganz gleich, womit ich mich beschäftigen würde, immer würde ich dabei auf Aspekte stoßen, die mir nicht gefallen, mich nerven oder langweilen würden. Diese sind notwendige Bestandteile von Lern- und Entwicklungsprozessen. In dem Buch Mastery von George Leonard erfährt man zu dem Thema, dass wir die meiste Zeit auf dem Weg zur Meisterschaft auf dem sogenannten Plateau verbringen. Die spürbaren Fortschritte stellen sich ein, aber sie brauchen Zeit und sie geschehen nicht regelmäßig. Die Kunst besteht darin, das Üben zu lieben.

Genauso begegnete ich dann der Juristerei. Morgens aufstehen und am Schreibtisch sitzen. Viele Stunden täglich. Klausuren schreiben. Rechtsprechung und Gesetzesänderungen studieren. Das wurde mein täglich Brot. Die juristische Ausbildung wurde meine Charakterschule. Sie vermittelte mir das, was ich benötigte, um die Ausbildung erfolgreich zu absolvieren. Und deswegen, so sehr ich das Jurastudium manchmal hasste, liebe ich es heutzutage, es dennoch getan zu haben.

Abschließende Gedanken

Die Liste ist nicht erschöpfend, zählt aber die für mich momentan wichtigsten Aspekte auf, die mir die juristische Ausbildung vermittelte. Natürlich wusste ich vorher nichts von diesen Sekundärvorteilen, ich hegte insoweit keine gezielten Absichten. Ich immatrikulierte mich und besuchte dann die Vorlesungen. Es handelt sich insoweit um ein astreines Beispiele von “Vorwärts leben, rückwärts verstehen.“

Zum Schluss sei noch bemerkt, dass die besagten Sekundärvorteile vermutlich in der ein oder anderen Gestalt in jeder formellen Ausbildung zu finden sind. Eine jede wird dabei ihre Eigenarten haben, so wie es bei der Juristerei der Fall ist durch deren extrem rigiden Denkstrukturen. Im Endeffekt fördern sie aber alle eine systematische Herangehensweise, strukturiertes Denken und langfristige Ausdauer. Daher dürfte es sich für die meisten ambitionierten Querdenker lohnen, die Mühen einer solchen Ausbildung auf sich zu nehmen und die besagte Charakterschule zu durchlaufen.

Bis zum nächsten Mal

Dein Lion

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