Mentalnomaden

Abkühlungen vom Tiefenrausch

Worum es geht

In meinem Internet begegnet mir momentan unentwegt der Aufruf zu mehr Tiefgang. Weg von der Oberfläche. Eintauchen. Sauerstoffflaschen voll bis zum Rand und los geht es. Auf direktem Wege in den Tiefenrausch. An sich eine super Sache. Die Tiefe hat ihren Zweck. Sie findet sich in Konzepten wie Meisterschaft (Die (nicht unumstrittene) 10.000 Stunden Regel) und der Marketingtechnik namens Positionierung. Deswegen sei auch vorweg gesagt, dass der gleich folgende Gegenruf kein kategorischer ist. Hier schreibt ein überzeugter Tiefgänger, der die Forest App bis ans Maximum ausgereizt und Cal Newport’s Buch Deep Work verschlungen hat. Die Problematik ist also mehr als bekannt: In einer Kultur der Über-Oberflächlichkeit sind ultrakurze Konzentrationsspannen epidemisch. Horizonte mit Radius Null werden als Standpunkte angepriesen. Der westliche Mensch hat durchschnittlich alle elf Minuten den Drang, sein Smartphone nach Benachrichtigungen zu prüfen. O wie interessant, Tina kommt nachher vielleicht fünf Minuten später ins Restaurant. Spiegel Online weiß von Trumps (nicht mehr ganz so) spektakulären Entgleisungen zu berichten und im Facebook Feed gibt es brandneue Katzenvideos. Thanks for the Info.

Also ja: Tiefgang ist wichtig. Er ist aber eben auch nicht alles. Warum?

Weil ein jedes Ding im Exzess zu seinem Gegenteil mutiert. Wie gesagt – die eben skizzierten Phänomene sind epidemisch und betreffen zahlreiche Individuen der westlichen Gesellschaft in verschieden heftigen Ausprägungen. Andererseits gibt es genügend Beispiele für Persönlichkeiten, die dem Zeitgeist irgendwie entronnen sind und ihren regelmäßigen Tiefgang bereits zu Genüge pflegen. Diese Damen und Herren hat es nicht so schlimm erwischt. Mehr Tiefgang ist für sie derzeit nicht unbedingt weiterbringend. Für sie lohnt es sich, ihr Streben nach Glück auch in der Breite zu probieren. Wie das funktioniert? Dazu gleich mehr.

Kurzvorstellung: Die Spezies des Mentalnomaden

Was ist ein Mentalnomade? Fangen wir so an: Was ist ein Nomade? Ein Nomade ist jemand, der nie lange an einem Ort bleibt. Sein Leben ist eine Reise. Er lernt zig Orte kennen. Auf diese Weise lernt er (ein Mindestmaß an philosophischer Einsichtsfähigkeit unterstellt) dabei sich selbst immer weiter kennen. Er erlebt sich selbst in Situationen, die unterschiedlicher voneinander nicht sein könnten. Was ist jetzt wohl ein Mentalnomade? Dieser Zeitgenosse mag weniger physische Ortswechsel als der ‚normale‘ Nomade vollziehen. Aber mental ist er ebenso viel unterwegs. Er beschäftigt sich mit einem weiten Spektrum an Ideen und Konzepten, lernt über das Leben und sucht an allen Ecken nach neuen Erfahrungen. Er saugt die Realität ein mit allem, was sie zu bieten hat und kennt auch vor dem entlegensten Winkel keinen Halt.

Spannen wir hier kurz den Bogen: Tiefgang ist essentiell für Fortschritt. Wie immer im Leben ist aber auch er nicht alles. Denn ins Extrem gekehrt mutiert ein alles zu seinem Gegenteil. In den folgenden Zeilen findet sich daher der Appell, einmal vom Leben des Mentalnomaden zu kosten.

Zunächst zu den Hintergründen: Warum sich die Kostprobe lohnt.

Was unreflektierter, exzessiver Tiefgang anrichtet und wie Mentalnomadentum besser sein kann

Systemblindheit vs. holistische Perspektive

Isolierter und dauerhafter Tiefgang gleicht Scheuklappen. Ist die Aufmerksamkeit starr und alternativlos gerichtet auf die eine Einzelmaterie, dringen keine anderen Eindrücke in das Bewusstsein.

Bei den meisten führt das früher oder später zu einer rasant abflachenden Lernkurve in ihrer einen Materie. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die berühmt berüchtigte Systemblindheit kehrt ein.

Wer demgegenüber eine holistische Perspektive kultiviert, der nimmt gewohnheitsmäßig auch andere Blickwinkel ein. Er erkennt Lösungswege schneller. Denn er ist frei von Systemblindheit. Und er kann Konzepte aus anderen Bereichen auf seine Materie anwenden, ist flexibler und kreativer im Umgang mit Herausforderungen.

Facettenarmut vs. reichhaltige Lebensräume

Völlig versteift auf eine Materie bleiben andere Aspekte unerforscht. Nie auf Reisen zu gehen bringt es zwangsläufig mit sich, nur die eigene Heimat zu sehen. Wer damit zufrieden ist – nur zu! Warum in die Ferne schweifen, wenn das gute doch so nahe liegt?- mag sich nämlich mancher Leser denken. Und es ist keineswegs das Anliegen dieses Textes, vom Gegenteil zu überzeugen. Die Verpassensangst (engl.: Fear of missing out – FOMO) ist eine weitere große Epidemie unserer Zeit. Da wären wir dann wieder am anderen Ende des Spektrums. Aber genug davon.

Hier geht es darum, horizontale Perspektiverweiterungen zu erwägen, für möglich zu halten und kennen zu lernen. Wozu? Um potentielle neue Interessensbereiche zu erschließen. Denn woher weißt Du, was Dich begeistern könnte, bevor Du es ausprobiert hast? Den existenziellen Krampf lösen und abschweifen in Lebensoffenheit und Facettenreichtum. Neue Farben. Neue Geräusche. Neue Atmosphären. Neue Persönlichkeiten und neue Düfte. Nehme alles mit. Wenn der Geist einmal zu neuer Größe heranwachsen ist, kehrt er nie wieder zu altbekannten Maßen zurück.

In die Breite zu gehen verbessert die Fähigkeit, andernorts in die Tiefe zu gehen

In der Hypnose gibt es eine Technik mit dem Namen Fraktionierung. Man verwendet sie, um den Klienten schrittweise tiefer in Hypnose zu geleiten. Sie beruht auf der Erkenntnis, dass jemand, der eine gewisse Tiefe an Hypnose erlangt hatte, nach einem kurzen Auftauchen anschließend noch tiefer in die Hypnose eindringen kann.

Auch wer langfristig auf nichts anderes als auf noch tieferen Tiefgang zielt, wird daher vom Breitgang profitieren. Abstand und sprichwörtliche Höhenmeter zu gewinnen hilft, den nächsten Tiefgang noch heftiger anzugehen. Insoweit bietet der Breitgang eine kognitive Ruhepause. Die Inhalte des Tiefgangs werden konsolidiert und finden ihren Platz. Der Arbeitsspeicher wird geleert. Jeder, der sich einmal eingehend und erfolglos mit einem Problem beschäftigte und anschließend bei einer nebensächlichen Tätigkeit von der Lösungsidee überrascht wurde, ist bereits Profiteuer des hier beschriebenen Vorgangs gewesen. Genau diesen Prozess kann man hervorragend willentlich auslösen durch Breitgang.

Praktische Umsetzung

Nach der theoretischen Vorstellung des Mentalnomaden geht es nun ans Eingemachte. Füllen wir das Konzept mit Leben. Wie funktioniert es – wie handelt der Mentalnomade, wie verbringt er seinen Tag?

Der Mentalnomade frönt seinen kleinen Interessen

Nicht jede Beschäftigung muss eine ausgewachsene Passion sein oder langfristig professionelle Ebenen erreichen. Der Mentalnomade versteht es, sein Leben mit unterschiedlichsten Hobbies zu würzen. Er ist ein Amateur in vielen Dingen. Ein “Jack of all trades. Master of many.“ Sollte es ihm nach Tiefgang gelüsten, steht dieser ihm jederzeit offen. Sätze wie ‚Ich wollte ja eigentlich auch mal wieder…‘ und ‚Das hat mir damals immer so einen Spaß gemacht, warum mache ich das heute nicht mehr?‘ Oder ‚Darauf hätte ich auch mal Lust, wenn genug Zeit dafür wäre‘ kennt der Mentalnomade nicht. Er schafft Platz für kleine Interessen.

Er nutzt Auszeiten für Entdeckungsreisen

Auch der Mentalnomade hat in der Regel so etwas wie einen Beruf und ähnliche Verpflichtungen, denen er sich widmen muss. In seiner Freizeit allerdings widmet er sich seinem weiten Spektrum an Interessen und Ausflugszielen. Er ist unterwegs. Er bleibt aktiv. Abgesehen von sorgsam dosierten Intermezzi des dolce far niente ist er auf Achse und stillt seinen Durst nach Erfahrungen. Wenn ihm der Broterwerb zu sehr die Energie raubt und damit auch die Lust auf Leben, dann weiß er, dass er etwas ändern muss. Im besten Falle vereint er Interessen und Profession so elegant, dass es für ihn keine klare Trennung mehr gibt zwischen Freizeit und Beruf. Doch auch wenn er noch nicht ganz so weit ist, bleibt er stets darauf bedacht, seine Lebensgeister nicht sämtlich auf die Akkumulation von Kapital zu konzentrieren. Stattdessen schafft er Freiräume für die unnötigen und reinen Gelüste.

Der Mentalnomade unternimmt intensive (nicht extensive) Tauchgänge in anderen Bereichen

Wenn der Mentalnomade sich von etwas besonders verführt fühlt, taucht er gerne kurz tiefer ein. Schnell und heftig. Für ein Wochenende oder länger widmet er sich ganz seinem Obsessiönchen. Liest drei Bücher hintereinander. Verschwindet in den Tiefen des Internets. Besucht Seminare. Saugt alles auf, was es zu dem Thema gibt. Verbringt eine heiße Affäre mit der Materie seiner Wahl. Verbeißt sich für einige Nächte und genießt die Reise ohne Ziel, ohne Erwartungen und einfach erfreut an dem, was sich ergibt.


Wieviel Mentalnomade steckt in Dir? Welchen Unterschied würde es für Dich machen, einen Ausflug ins Mentalnomadentum zu wagen? Wie und wann wirst Du diesen Ausflug beginnen? Lasse es mich gerne wissen per Kommentar unter diesem Beitrag oder in einer Mail an kontakt@lionlogert.com

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Bis zum nächsten Mal

Dein Lion

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