Intelligenter Umgang mit dem ‚Smartphone‘

Geschätzte Lesedauer: 7 Minuten
Wie Dein Mobiltelefon Dich beim Leben unterstützt anstatt Dich davon abzuhalten.

Noch ein Text über ‚Smartphones‘? Darüber wurde doch schon genug geschrieben. Nicht ganz, wie ich meine. Es fehlte mir noch etwas.

Eine Impression:

Kürzlich war ich mit einer guten Freundin in einer urigen Bar im Berliner Bezirk Tiergarten. Es war Samstag Abend. Wir saßen in einer Ecke am Fenster. Wir tranken Bier und Schnaps und unterhielten uns über die vergehende Woche. Am Alexanderplatz hatte es einen Totschlag und eine Massenschlägerei gegeben. Unschön, ja. Schockierend? In Berlin (leider) nicht mehr. Aber darum soll es hier nicht gehen. Zum Thema: Unsere Mobiltelefone lagen jeweils griffbereit auf dem Tisch. Den ganzen Abend. Zwischendurch machten wir ein Foto von unseren Getränken und der Bar und schickten es an Freunde und Familie. Wir telefonierten per Videoanruf mit einem alten Freund aus Studienzeiten und luden ihn zu uns ein für einen Besuch in der Stadt. Wir schlugen ein Wort nach, dessen Herkunft uns spontan interessierte. Wir benutzten unsere Telefone. Das geschah aber nur nebenbei und eher rar. Die meiste Zeit unterhielten wir uns, lachten miteinander oder genossen einige Momente des Schweigens, hingen unseren jeweils eigenen Gedanken nach oder ließen den Blick durch das Lokal schweifen.
Unsere Telefone bereicherten diesen Abend ein wenig, indem sie uns Zugang zu Kommunikation und Wissen verschafften. Am wichtigsten aber ist zu erkennen: der Abend hätte sich ohne Telefone kaum verändert, die Geräte spielten keine große Rolle.

Es zeigt sich: Ein Smartphone kann ein angenehmer, unaufdringlicher Begleiter sein, wenn man es richtig macht.

Das hier wird keine Lobeshymne auf Smartphones. Aber auch keine Hasstirade.

Es geht darum:

Das Geheimnis des Wandels besteht darin, Deine gesamte Energie nicht darauf zu richten, das alte zu bekämpfen, sondern darauf, das neue zu erschaffen.

Deshalb erklärt dieser Text, wie ein intelligenter Umgang mit dem Mobiltelefon möglich ist. Das erfordert ein wenig Übung und Ausdauer, ist aber für jeden machbar.

Was der intelligente Umgang Dir bringt:

  1. Du erlangst Unabhängigkeit. Ein großes Wort, in der Tat. Aber denke darüber nach. Den meisten Menschen der westlichen Gesellschaft fällt es im Jahre 2019 nicht leicht, das Gerät zu entbehren. Sie fühlen sich nackt, wenn sie ohne Telefon aus dem Haus gehen. Studien haben gezeigt, dass sich das Gerät bei den meisten Menschen in jeweils 24 Stunden nicht länger als einige Minuten außer Griffweite befindet.
  2. Du machst neue, interessantere und intensivere Erfahrungen. Wenn Du die Welt vermittelt durch Dein Telefon erlebst, dann bleibt nicht viel Raum für echte Sinnesreize. Riechen, schmecken und fühlen entgehen Dir vollkommen. Das Erfahrungsspektrum aus einem Kasten, der leuchten und vibrieren und lärmen kann, ist naturgemäß beschränkt.
  3. Du aktivierst Deine Vorstellungskraft. Solange Du eingelullt und zugemüllt wirst von unwichtigen Benachrichtigungen und vom Fast Food der Unterhaltungsindustrie, solange machst Du Dir keine eigenen Gedanken. Vielleicht willst Du das auch gar nicht, aber dann würdest Du diesen Text wohl nicht lesen. Wann hast Du das letzte Mal Deine Fantasie spielen lassen? Wann hast Du in völlig alltäglichen, nebensächlichen Situationen einen Funken Wunder gefunden, indem Du Deine Imagination bemühtest? Du wirst kreativer und kommst auf neue Möglichkeiten. Du kannst Dir nicht vorstellen, was Du Dir alles vorstellen könntest, bevor Du es versuchst.
  4. Du hast mehr Zeit für Dinge, die Dir wichtig sind. Schonmal in der Bildschirmzeit-App nachgeschaut, wie viele Stunden täglich am Gerät abhanden kommen? Einige von ihnen kannst Du leicht wieder gewinnen.
  5. Es geht Dir körperlich besser. Übermäßige Verwendung des Mobiltelefons führt zu Daumengelenksarthrose und Nackenstarre. Vielleicht machst Du sogar Sport in künftig bildschirmfreien Momenten, wie wäre es?
  6. Du bist fähig, mehr zu leisten, weil Du Dich konzentrieren kannst. Hierbei geht es nicht darum, ein karrieregeiler Overachiever zu sein. Das ist möglich, aber eben nur eine Option. Viel wichtiger: Du kannst Dein Leben mit den Inhalten gestalten und ausfüllen, die Dir etwas bedeuten. Du kannst in die Tiefe gehen. Du kannst Dich Deinen Lieblingsbeschäftigungen und Deinen Themen widmen. Jetzt fragst Du Dich vielleicht, ob der Unterschied wirklich so groß sein kann. Ich sage: probiere es aus. Nehme einen Tag oder zwei völlig ohne Telefon. Gebe vorher allen wichtigen Menschen Bescheid, dass Du nicht erreichbar bist und sie sich keine Sorgen machen müssen. Dann begebe Dich an Deine Passionen. Und erlebe, was passiert, wenn Du Dich für 60 bis 120 Minuten auf eine Sache konzentrierst und das zwei bis dreimal täglich.
  7. Du wirst beliebter. Menschen fühlen sich wertgeschätzt – und wertschätzen es im Gegenzug -, wenn ihr Gesprächspartner sein Telefon in Ruhe lässt und sich ganz auf sie fokussiert. Das ist ein Zeichen von Respekt und Anerkennung, das sie mit Sympathie und Wohlwollen belohnen.

Was Dich jetzt wahrscheinlich noch abhält:

  1. Das Gerät vermittelt Dir Komfort. Du findest dort die schnelle Ablenkung, die kleine Dosis Unterhaltung und Kommunikation bei Langeweile, Frust oder Einsamkeit. Ein paar Nachrichten schreiben, einen Zeitungsartikel überfliegen, ein kurzes Video anschauen. Süßigkeiten für den Geist.
  2. Du bekommst die schnelle, einfache Lösung. Du weißt nicht, in welcher Richtung die Bushaltestelle liegt? Bevor Du einen fremden Menschen ansprichst, schaust Du lieber in einer Karten-App nach. Dir fällt nicht mehr ein, was Apotheose bedeutet oder zu welcher Jahreszeit sich Tiger paaren oder wie der Klimawandel zustande kommt? Anstatt Dir Gedanken darüber zu machen und vorhandenes Wissen zu konsultieren oder im Gespräch gemeinsam darüber zu diskutieren, unternimmst Du eine Internet-Recherche von vielleicht 20 Sekunden. Siehst Du, wie viele potentielle eigene Ideen, Überlegungen, Querverweise in Deinem Gehirn hier nicht zustande kommen, wieviele Synapsen Du niemals aktivieren wirst?
    Es gibt Momente, in denen das Gerät sehr hilfreich sein kann, keine Frage. Aber schnell und einfach ist selten die beste Lösung.
  3. Du hast für das Gerät viel Geld ausgegeben. Die monatliche Telefonrechnung bewegt sich im hohen zweistelligen wenn nicht gar im dreistelligen Bereich. Und für Dein Geld möchtest Du Leistung natürlich auch in Anspruch nehmen. Auf den ersten Blick nachvollziehbar. Aber bedenke, es gibt andere Währungen als Geld: Zeit, inneren Frieden, allgemeine Lebensqualität. Solange Du extensive Nutzung Deines Telefons mit andernfalls vertanen Kosten rechtfertigst, unterliegst Du einem gewaltigen Denkfehler.
  4. Gewohnheit. Gewohnheit ist mächtig. Und Gewohnheiten kannst Du ändern mit den gleich folgenden Werkzeugen.

Lösungswege

Nun zu den Techniken und Werkzeugen, die einen intelligenten, konstruktiven Umgang mit dem Mobiltelefon ermöglichen.

Zu Anfang sollte man Klarheit gewinnen darüber, wohin die Reise konkret führen soll. Zu diesem Zwecke hier der Vorschlag einer Zielabsicht: Bewusst und präsent leben und sich demjenigen widmen, was wesentlich ist, was Freude bereitet und weiterbringt; dabei soll das Mobiltelefon unterstützen und nicht stören.

An dieser Stelle empfehle ich, Dir Dein eigenes Ziel zu überlegen und aufzuschreiben. Nehme Dir einige Minuten, um Deine persönliche Idealvorstellung zu kristallisieren. Dann ist es nämlich mehr als der Input von irgendeinem Berater aus dem Internet, es wird ‚Dein Baby‘.

  1. Vorab: Habe Alternativen

Für die meisten dürfte das selbstverständlich sein. Ich möchte es trotzdem kurz erwähnen für die ganz harten Fälle. Bevor wir uns mit der gelungenen Nutzung des Mobiltelefons befassen, muss Dir klar sein: Du brauchst ein nicht-digitales Leben. Wenn das für Dich nicht selbstverständlich ist, dann suche Dir bitte ein analoges Hobby, dem Du Dich ohne elektronische Geräte widmen kannst; gehe raus und rede mit Menschen; mache Sport; lese ein Buch oder eine Zeitschrift. Wenn Dein Telefon stets Deine Anlaufstelle ist bei Langeweile, Frust oder Einsamkeit, dann wirst Du Schwierigkeiten haben, die kommenden Vorschläge umzusetzen.

  1. Mache eine Telefon-Fastenkur

Vielleicht ist Dir das gleich am Anfang zu hart und Du möchtest es erst probieren, wenn Du mehr Übung hast. Unterbreche das gewohnte Muster. Nehme Dir eine Woche oder zumindest einige Tage hintereinander frei vom Mobiltelefon. Informiere nötigenfalls Bekannte, damit sie sich keine Sorgen machen. Am besten kannst Du diesen Ansatz mit einem Urlaub kombinieren. Fern vom Alltag wird es Dir leichter gelingen, auf das Gerät zu verzichten. Genieße die Impressionen. Schreibe etwas per Hand. Höre eine CD. Spreche mit Menschen. Streichle eine Katze. Mache einen Spaziergang. Lasse Dir das echte Leben gefallen.

  1. Telefon-freie Tage

Neben der radikalen Fastenkur genehmige Dir dann und wann einen einzelnen Tag völlig ohne Telefon. Schalte es am Abend zuvor aus und am besten erst am darauffolgenden Tag wieder ein. Tue das regelmäßig, um nicht konstant in der Blase zu stecken. Nehme wahr, wohin Deine Gedanken sich bewegen, wenn das Mobiltelefon keine Option mehr ist.

  1. Airplane-Modus & Nichtstören-Modus

Die Grundsteine. Bei der intelligenten Telefonnutzung geht es darum, Deine ständige Erreichbarkeit herunterzufahren. Das mentale Hintergrundrauschen muss abebben. Denn dieses ist eine der Ursachen für Ablenkung und Zerstreuung. Es hält Dich effektiv von Deinen Prioritäten fern. Solange Du ständig in Erwartung auf irgendwelche Benachrichtigungen, auf ein Bimmeln oder ein Vibrieren durch Deinen Tag steuerst und nervös wirst, sobald es für mehr als ein paar Minuten still bleibt, solange läuft bei Dir etwas grundlegend falsch. Daher gewöhne Dir an, das Telefon regelmäßig in den Nichtstören-Modus zu schalten. Und abends vor dem Schlafen den Airplane-Modus aktivieren. Dadurch reduzierst Du zudem die Strahlung. Morgens im Optimalfall erst nach dem Morgenritual wieder online gehen. Experimentiere damit. Zur Not verwende eine App wie ‚Bildschirmzeit‘ (auf dem iPhone), um bestimmte Aktivitäten zu beschränken.

  1. Forest App

Nutze die Forest App oder eine Alternative, um konzentrierte Stunden zu sammeln. Mit der Forest App kannst Du Deine abstinenten Stunden aufzeichnen, damit ein Punktekonto füllen und mit diesen Punkten echte Bäume pflanzen.

Du tust also etwas für die Umwelt, indem Du Konzentration übst. Benutzer der App sagen, sie können sich durch die regelmäßige Übung besser fokussieren und sind motiviert davon, dass sie einen Beitrag für die Umwelt leisten. Zudem hilft die App, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie lange manche Aufgaben dauern. Außerdem merkt man, wie schnell man abgelenkt ist, wenn man das Telefon einschaltet und feststellen muss, dass der Timer der App noch läuft.

  1. Setze feste Zeiten für Kommunikation und Unterhaltung

Anstatt dauerhaft hin- und herzuschreiben, solltest Du zumindest dann, während Du gerade an einem Projekt arbeitest, jegliche Textnachrichten ignorieren und auch nicht ‚kurz zwischendurch‘ YouTube oder Nachrichten anschauen. Zum Beispiel könntest Du Dich vormittags vier Stunden konzentriert Deiner Arbeit widmen und anschließend am Nachmittag zur Belohnung Dein Telefon zur Hand nehmen. Später am Nachmittag könntest Du weitere zwei bis drei Stunden arbeiten um anschließend noch einmal die Messenger und Unterhaltungskanäle zu besuchen. Probiere aus, welche Intervalle am besten funktionieren und wann Du Höchstleistung erbringen kannst.

Reduziere bei der konzentrierten Arbeit das mentale Hintergrundrauschen, indem Du das Telefon entfernst. Am besten schaffst Du tatsächlich eine räumliche Distanz, so dass er Zugriff von vornherein erschwert ist. Du erreichst tiefere Ebenen von Konzentration, bist nicht abgelenkt sondern voll präsent. Lese zu dem Thema das Buch Deep Work.

  1. Mache Dein Telefon zu einer Quelle von Motivation und Inspiration

Du kannst Dir Dein Telefon vorstellen wie einen Raum, in den Du Dich immer dann begibst, wenn Du das Gerät nutzt. Bietet dieser Raum einen angenehmen Aufenthalt? Oder ist er chaotisch und dreckig und lädt ein, zu ’versumpfen’? Halte Dein Telefon sauber: lösche ungenutzte Apps und räume Deine Fotos auf. Alte Nachrichten liest Du vermutlich nicht wieder, Du kannst sie entfernen. Sorge für Digital-Hygiene.

Installiere Hintergrundbilder, die Dich an schöne Momente erinnern oder die Dich inspirieren. Bist Du interessiert daran, den Umgang mit dem Telefon zu entschleunigen?- Statt Apps auf dem Home-Bildschirm zu verteilen, sammle sie in einem Ordner und nutze die Suchfunktion, um sie zu starten. Auf diese Weise ist das gewählte Hintergrundbild auch gut sichtbar.

  1. Verwende sinnvolle Apps

Es gibt Apps, die Dich hervorragend dabei unterstützen können, Deine Ziele zu erreichen, gute Gewohnheiten zu etablieren und im Leben voranzukommen. Nutze Audible, Kindle und Podcast, um gezielt ausgewählte Inhalte zu konsumieren. Darüber hinaus gibt es Apps für Produktivität (z.B. Agenda, Workflowy), Meditation (z.B. 7Mind, Headspace), Gewohnheiten (z.B. Coach.me, Goalify), Sprachen lernen (z.B Duolingo, Babbel) und vieles mehr. Schaue Dich ein wenig um auf Deiner App-Plattform. Probiere verschiedene Programme aus und finde das für Dich passende.


Abschließende Gedanken

Mobiltelefone und Tablets haben das Potential, den Benutzer dauerhaft zu beschäftigen und abzulenken und dadurch daran zu hindern, sich dem Leben zu widmen. Warum durften Steve Jobs’ Kinder wohl kein iPad nutzen? Bitte einmal darüber nachdenken. Drogendealer konsumieren ihren eigenen Stoff nicht. Aber: Zwischen ‚Smartphone-in-der-Dusche-dabei‘ und ‚Ich-wünsche-mir-die-Wählscheibe-zurück‘ gibt es Varianten, die allen beteiligten Interessen gerecht werden können. Dein Mobiltelefon kann Dich beim Leben unterstützen, anstatt Dich davon abzuhalten. Nutze die Methoden aus diesem Artikel, um den für Dich optimalen Umgang mit dem Gerät zu gestalten.

Schicke mir Deine Gedanken zu dem Thema und Deine persönlichen Methoden gerne an kontakt@lionlogert.com – ich freue mich, von Dir zu hören.

Bis zum nächsten Mal

Dein Lion