Gesellschaftsfähige ‚Geisteskrankheiten‘

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Das Leben in der Gesellschaft ist nicht einfach. Dieser Artikel gibt dem Leser eine Reihe von Instrumenten in die Hand, mit denen das menschliche Miteinander gelingt. Viele beherrschen die Methoden bereits sicher. Andere tun sich noch schwer oder zeigen sich bislang uneinsichtig. Auch letztere haben es verdient, Mitglieder des Systems zu sein – auf dass sie den Zugang finden mögen.

Warum spricht der Titel von ‚Geisteskrankheiten‘? Reine Provokation. Verblendete Angehörige der Selbsthilfe-Szene und die krankhaften Selbst-Optimierer würden das, was gleich kommt, womöglich so bezeichnen. Geisteskranke. Tatsächlich handelt es sich um den Stoff, der die Gesellschaft zusammenhält.

Ohne weitere Umschweife nun die kleine Anleitung zum Erfolg in der westlichen Gesellschaft:

1. Man muss sich vergleichen

Es ist wesentlich einfacher, sich an äußeren Maßstäben zu orientieren anstatt eine eigene Erfolgsdefinition zu komponieren. Ohnehin sollte man es vermeiden, selbstständig nachzudenken. Das ist anstrengend und macht unzufrieden. Stattdessen tut man gut daran, die Herde (die Menschen in der Umgebung, das soziale Umfeld) zu beobachten und nachzuahmen. Nach und nach sollte man dann versuchen, in möglichst vielen Aspekten besser, größer und schneller zu werden als die anderen. Es ist gar nicht so wichtig, wieviel man verdient; man muss nur mehr verdienen als die Nachbarn. Die Wettkampfmentalität motiviert und beschleunigt die Evolution durch natürliche Auslese.

Das Umfeld wird würdigend die Bemühungen um standardisierte Komponenten schätzen: Wohlstand und Einfluss; Status und Prestige. Je mehr man davon hat, desto populärer wird man und desto weniger sollte man gequält sich finden von der dahinterstehenden Leere. Wenn diese sich zwischendurch doch einmal bemerkbar macht durch ein Gefühl von Unzufriedenheit, so kann man diese Symptome ausgezeichnet ausmerzen, indem man noch beharrlicher und intensiver nach besagten Komponenten trachtet. Eine kräftige Dosis Beschäftigungstherapie hilft.

2. Kleinen Süchten frönen

Alkohol, Zigaretten, Smartphone & Co. Sie machen glücklich, lenken ab und beugen schädlichem Nachdenken vor. Wer enthaltsam lebt, der riskiert soziale Ausgrenzung. Lieber mal einen über den Durst trinken als gar nicht. Das macht den Kopf frei und den Geist gesellig. Zudem kurbelt es die Wirtschaft an. Eine Zigarette bietet stets eine kleine Auszeit und häufig die Chance für ein nettes Gespräch in der Raucher-Ecke. Gesundheitliche Bedenken sind nicht angebracht. Wessen Immunsystem mit solch kleinen Attacken nicht zurecht kommt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Der wohl größte Freund ist das Smartphone. Es verschafft Zugang zu Unterhaltung, Kommunikation und Ablenkung. Überdies ist es ein Helfer in der Not: Peinliches Schweigen lässt sich mit ihm leicht überbrücken. Überdies ist man nicht hilflos den Menschen in der Umgebung ausgesetzt, kann ihnen durch Nutzung des Geräts subtil signalisieren, dass man deren Kommunikationsbereitschaft/-fähigkeit nicht teilt.

3. Verantwortung von sich weisen

Der vielleicht wichtigste Punkt dieser Liste. Verantwortung ist eine äußerst gefährliche Angelegenheit. Man sollte sie vermeiden, um der sprichwörtlichen Last der Verantwortung zu entgehen und sich das Leben zu erleichtern. Je höher die bekleidete Position in Beruf und Gesellschaft, desto mehr muss man darauf achten, sich der Verantwortung zu entziehen. Andernfalls drohen Reputations-Verlust, sozialer Abstieg, finanzielle Einbußen und andere Widerwärtigkeiten. Man sollte Rhetorik-Kurse besuchen und eventuell auch Schauspielunterricht in Anspruch nehmen, um beim öffentlichen Auftritt zu überzeugen. Das sogenannte ‚Reden um den heißen Brei‘ ist negativ assoziiert, eignet sich aber hervorragend für hiesige Zwecke. Die meisten Zuhörer werden es ohnehin nicht bemerken. Weiterhin kann man sich ausgezeichnet auf Unwissenheit und undurchsichtige Personalstrukturen berufen.

Auch auf rein persönlicher Ebene ist Verantwortung eine ekelhafte Bürde. Die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen – das würde bedeuten, dass man niemandem mehr die Schuld geben kann an den eigenen Problemen. Außer sich selbst. Grauenhaft.

4. Sorgen machen

Um nicht naiv oder blauäugig zu wirken, sollte man malerische Horrorszenarien für das persönliche und auch für das kollektiv-gesellschaftliche Schicksal ersinnen. Je kreativer und apokalyptischer man dabei ist, desto eher sind einem die Lobeshymnen auch der besonders kritischen Herrschaften sicher.

Man gerät zudem nicht in Gefahr, enttäuscht zu werden. Enttäuscht werden bekanntlich vor allem Hoffnungen – das Gegenteil von Sorgen. Je mehr Sorgen, desto weniger Enttäuschung. Werden doch einmal Sorgen enttäuscht, ist das einigermaßen leicht hinzunehmen. Es handelt sich um die gelegentlichen Ausnahmen von der Regel.

5. In Selbstherrlichkeit schwelgen

Die höchste Stufe des Sich-Vergleichens aus Punkt 1. Aller Selbstzweifel erhaben nimmt man den Zenit des gesellschaftlichen Daseins ein. Man hat begriffen, besser zu sein als die anderen. Man ist überlegen. Jeder weitere Vergleich mit anderen dient der gönnerhaften Demonstration der eigenen Übermacht. Möge der ein oder andere sich etwas abschauen. Und die Kritiker? Nichts weiter Neider. Bisweilen würdig eines Quäntchens Aufmerksamkeit. Ansonsten zu ignorieren. Sie verstehen das Genie nicht. Sind zu bemitleiden. Mit ihnen zu diskutieren wäre wie Schachspielen gegen eine Taube: selbstverständlich gewinnt man, trotzdem stolziert die Taube in Siegerpose über das Brett. Kompetenz und Niveau sehen nur von unten aus wie Arroganz. Es lebt sich gut in dieser wunderbaren selbst geschaffenen Blase. ‚Man furzt sich seine eigene Luft‘, wie ein deutscher Liederschreiber es einst ausdrückte.


Kennst Du noch weitere ‚Geisteskrankheiten‘ oder hast Du Anmerkungen zu einer der hier erwähnten? Dann melde Dich gerne bei kontakt@lionlogert.com

Bis zum nächsten Mal

Dein Lion