Einfach besser entscheiden

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Was ist ein Menschenleben außer einer Summe von Entscheidungen? Mir ist noch keine befriedigende Antwort auf diese Frage begegnet. Eine pathetisch anmutende Aussage scheint indes angebracht: Wenn ein Menschenleben aus einer Summe von Entscheidungen besteht, dann ist es doch mehr als die Summe seiner Einzelteile. Gleichwohl wird deutlich: Entscheidungen sind ein integraler Bestandteil eines jeden Menschenlebens.

Festgestellt, dass Entscheidungen so überragend wichtig sind, wollen wir uns im Folgenden der Frage widmen: Wie entscheidet man besser?

Eine bekannte Herangehensweise, die universelle Gültigkeit genießt, lautet schlicht und ergreifend: Üben. Je mehr Entscheidungen man trifft, desto besser wird man. Desto schneller passieren interessante Dinge. ‚Tu‘ was, dann tut sich was.’ Man erlebt schöne Momente und solche, aus denen man lernen kann. Man gewinnt Erfahrung und Selbsterkenntnis.

Um konkretere Ansatzpunkte zu ergründen, bewegen wir uns näher heran und beleuchten die Architektur einer Entscheidung.

Die Architektur einer Entscheidung

Was tun wir, wenn wir eine Entscheidung treffen? Wir wählen aus einer Reihe von möglichen Optionen diejenige, die wir im konkreten Moment aus irgendwelchen Gründen als die Beste befinden. Welche Hose ziehe ich heute an? Welche Sorte Milch nehme ich? Fahre ich mit dem Auto oder mit der Bahn? Es können völlig triviale Dinge sein. Auf die Wahl folgt die entsprechende Handlung. Hose anziehen. Milch nehmen. In den Wagen steigen. Eine Entscheidung setzt sich demnach zusammen aus der Wahl und darauf folgend entsprechender Handlung. Die Wahl ist der innere, die Handlung ist der äußere Bestandteil der Entscheidung.

Die Formel lautet: Entscheidung = Wahl (innen) + Handlung (außen).1

Schritt 1: Besser handeln.

Wie kann man besser entscheiden? Zäumen wir das Pferd zunächst von hinten auf und beginnen bei der Handlung.

Hier gibt es zwei Aspekte:

Erstens: Die Handlung sollte zügig erfolgen sobald die Wahl getroffen ist. Nicht herum eiern. Nicht nochmal lange nachdenken. Einfach mal machen. Dann entfaltet sich vieles wie von allein. Nicht zu handeln ist auch eine Handlung, die selten Gutes bringt. Das ist nicht zu verwechseln mit Geduld. Geduld setzt früher an und bedeutet, nicht überstürzt zu entscheiden. Ist die Wahl aber gefallen, dann sollte man nicht mehr lange zwischen Wahl und Handlung zu oszillieren. Wenn man sich nicht zur Handlung durchringen kann, dann muss man einen Schritt zurück gehen und noch weiter hinten neu ansetzen. Das passiert jedem. Aber auch hier lautet die beste Handlung im Ergebnis dahin gehend, dass man diesen Schritt zurück schnell geht, um eine bessere Wahl treffen zu können und so zu einer Entscheidungen zu gelangen, von der man überzeugt ist.

Zweitens: Präzise und aufmerksam handeln. Was soll das heißen? Konzentriert bleiben. Keine Tagträume. Bei der Ausführung der Handlung im Moment präsent und fokussiert sein. Wozu das? Man kann die Handlung mehr genießen und steigert die Qualität der Handlung. Aufmerksamkeit ist spürbar. Wir lieben es, wenn jemand uns Aufmerksamkeit schenkt. Unsere Handlung liebt es, wenn wir ihr Aufmerksamkeit schenken.

Schritt 2: Besser wählen.

Jetzt zum inneren und zeitlich vorgelagerten Teil der Entscheidung – der Wahl.

Hier lohnt es sich wiederum, noch näher heranzugehen und die Anatomie der Wahl zu untersuchen. Welche Denkprozesse finden statt? Welche Kriterien spielen eine Rolle? Was beeinflusst die Wahl?

Beim Wählen überlegt man sich bewusst und unbewusst,2 welche Folgen die verschiedenen Optionen haben und wie diese mit individuellen Wünschen und Erwartungen korrespondieren. Man wägt die Folgen der jeweiligen Handlungsalternative möglichst genau ab in Hinblick darauf, ob sie die Erwartungen erfüllt oder eben nicht.

Hier eröffnen sich drei Problemfelder.

Vorab: Eine Lösung für diese Probleme bleibe ich hier schuldig. Diese Passage dient lediglich dazu, die Problemfelder bewusst zu machen. Im abschließenden Teil stelle ich stattdessen einen neuen Ansatz vor. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang daran: Ein Problem kann nicht auf der Ebene gelöst werden, auf der es entstanden ist.

Problem 1: Die Folgen von Entscheidungen sind nicht abschätzbar. Wir wissen nie, wie sich etwas entwickelt. Die Kausal-Ketten können wir nur im Nachhinein nachvollziehen und sogar bei diesem Nachvollziehen können wir tatsächlich nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob es einen Ursachenzusammenhang gibt oder ob die Ereignisse nur zufällig hintereinander geschehen sind.

Problem 2: Mangelnde Selbstkenntnis. Wir haben Erwartungen an die Folgen unserer Entscheidungen. Diese Erwartungen mögen erfüllt werden oder auch nicht, das ist das eine. Ob uns aber die Erfüllung der Erwartungen glücklich und zufrieden macht, das wissen wir erst hinterher. Wer kennt nicht das schale Gefühl, nach einem vermeintlichen Erfolg bemerken zu müssen, dass die Freude allenfalls wenige Minuten andauerte und sich sodann eine völlige Gleichgültigkeit gegenüber der erkämpften Errungenschaft einstellt. Andersherum empfinden wir bisweilen unverhofft tiefe Zufriedenheit angesichts von Umständen, die wir nie bewusst anstrebten.

Problem 3: Paralyse durch Analyse (Engl.: Analysis Paralysis). Bei großen Entscheidungen ist die relevante Datenmenge so umfangreich und so komplex, dass wir nicht in der Lage sind, all die Information zu prozessieren. Wer es dennoch versucht, der jagt sich sprichwörtlich ins Boxhorn und gelangt zu keiner Entscheidung.

Daher:

Ein neuer Ansatz

Wenn Du vor einer Entscheidung stehst, wäge nicht ab, welche Handlung zu welchen Folgen führen könnte.

Stattdessen: überlege, wie die Person, die Du sein möchtest, handeln würde.

Wenn es die Zeit erlaubt, stelle Dir vor, wie diese Person sich in dieser Situation verhalten würde. Was würde sie denken, fühlen, wollen? So gut es Dir jetzt gelingt, assoziiere Dich mit Deinem künftigen Ich. Sehe die Welt durch seine Augen, begebe Dich in seine Warte. Was ist wichtig? Welche übergeordneten Werte leiten das Handeln?

Welche Aspekte, denen Du heute noch Beachtung schenken würdest, sind bei der künftigen Version von Dir in den Hintergrund getreten? Vielleicht dienst Du einem höheren Wohl und bist daher bereit, eigene Interessen zunächst zurücktreten zu lassen, damit Du Deiner Familie oder Deinem weiteren Umfeld etwas Gutes tun kannst. Vielleicht ist Dir Fortschritt und Wachstum so wichtig, dass Du eine momentane Einschränkung hinnehmen kannst zugunsten des folgenden Gewinns. Und vielleicht lebst Du so stark nach Deinem inneren Kompass, dass es Dir leicht fällt, trotz drohender Kritik dasjenige zu tun, was Du für richtig hältst.

Bis zum nächsten Mal

Dein Lion

    1. Es wäre noch die Folgenauswertung als nachgelagerter Bestandteil zu nennen, was hiermit geschehen ist. Mangels Relevanz wird darauf nicht näher eingegangen.
  1. Inwieweit Emotionen auch bei rational getroffenen Entscheidungen eine Rolle spielen oder gar der Ratio die Entscheidung ‚vorgeben‘, woraufhin die Ratio sie dann nur noch noch mit Argumenten untermauert, darauf wird in diesem Text nicht näher eingegangen.

Kommentare gerne an kontakt@lionlogert.com.