Darf ich vorstellen: Deine Intuition

Geschätzte Lesedauer: 8 Minuten

Wege zu sich selbst.

Kristian Krauss ist Unternehmensjurist, 31 Jahre alt, seit zwei Jahren im Job und gut beschäftigt. Seine Freundin sieht er selten. Seine Arbeitskollegen dafür umso mehr. Maßgeschneiderter Anzug. Hornbrille. Feine Schuhe aus Italien. 150 € Frisur. Sein geräumiges Apartment ist stilvoll eingerichtet. An Wochenenden widmet er sich gerne dem Segeln oder dem Jagen. Den Segelschein hat er erst kürzlich absolviert und schippert momentan noch mit geliehenen Booten über die Gewässer in der Umgebung. Eines Tages soll die eigene kleine Yacht her. Dafür muss Kristian nach momentaner Lage noch etwa zwölf Jahre und sechs Monate arbeiten. Das hat er sich überschlägig ausgerechnet. Plus minus zwei Jahre. Je nach dem, wie es sich entwickelt. Seine Arbeitsbelastung beträgt etwa 55-65 Stunden pro Woche. Samstag muss er meistens auch nochmal ins Büro. Seinen Freunden erzählt er, Samstag arbeitet er besonders gut. Weil es dann so ruhig ist. Und die paar Stunden machen ihm eigentlich sogar Spaß, meint er. Die ersten zwei Jahre sind ganz locker an ihm vorbei gegangen. Er hat sich gut eingelebt und versteht sich mit den meisten Kollegen ausgezeichnet. An vielen Tagen kommt er morgens mit einem Lächeln in die Arbeit. Erste Zweifel kamen ihm heute Morgen am Frühstückstisch. Da die Tasse Kaffee noch fast voll war und er ein bisschen Zeit hatte hat er angefangen zu rechnen. Und da hat er sich ausgerechnet wie lange es noch dauert bis zur Yacht. Zwölf Jahre. Vor zwölf Jahren war Kristian gerade 19 Jahre alt. Er hatte seine erste Beziehung mit der hübschen Katherina nach langem hin und her beendet und stand kurz vor dem Studium, war bereits immatrikuliert und auf Wohnungssuche. Eine Ewigkeit war seit dem vergangen. An eine Yacht hatte er damals nicht gedacht. Ob er zwölf Jahre später noch an eine Yacht denken würde? Und wenn nicht, woran denn dann? Würde es ihm dann nicht leid tun um all die 50+ Stunden Wochen, die er anders hätte verbringen können? Er weiß es nicht. Er drängt den Gedanken so weit weg wie möglich, trinkt seinen Kaffee aus und macht sich auf den Weg ins Büro. Drei Stationen mit dem Bus und dann nochmal fünf mit der U-Bahn. In nicht mal einer halben Stunde wird er im Büro sitzen und die nächste Transaktion vorbereiten. Der Gedanke vom Morgen wird ihn noch einige Tage begleiten, ihm dann und wann einfallen und bedrücken. Doch dann wird er ihn vollständig verdrängt haben und weiter malochen. Weil es einfacher ist. Und weil Kristian nicht weiß, wie er mit der Frage umgehen soll, die diesem Gedanken zugrunde liegt – was will ich wirklich vom Leben?

Gibt es etwas, das Kristian anders, besser machen könnte?

Dieser Kristian, von dem es tausende gibt, hat vor allem ein Problem: er weiß nicht genau, was er will. Es mag an die Szene aus dem Film ‚Bruce allmächtig‘ erinnern: Als der Bruce, dem Gott seine eigenen Fähigkeiten übertragen hat, zu Gott sagt, dass er den Menschen einfach geben möchte was sie wollen, fragt Gott mit einem süffisanten Grinsen – „seit wann wissen denn die Menschen bitte, was sie wollen?“

Der Mensch von heute ist sich sehr sicher, was er will. Bis er es bekommt und merkt, dass es ihn nicht glücklich macht. Ab einem Einkommen von 60.000 € ist dessen Anstieg nicht weiter geeignet, mehr Lebensqualität zu erzeugen. Darüber hinaus macht uns Geld also erwiesenermaßen nicht mehr glücklicher. Steigender Konsum kann das Defizit an empfundener Lebenszufriedenheit jenseits der Deckung der Grundbedürfnisse und einem moderaten Maß an Luxus und Komfort also nicht mehr beeinflussen.

So begegnen wir zunehmend gelangweilten respektive gestressten Zeitgenossen oder gehören selbst zu ihnen.

Die Lösung? Stelle eine Verbindung her zu Deiner inneren Stimme, zur Intuition. Das ist eine Ahnung, ein Gefühl, das Dir sagt, was jetzt genau richtig ist und Dich so zu inspirierter, zielgerichteter Handlung leitet.

In einer immer lauteren Welt voller Stress und Statik fällt es schwer, diese Stimme überhaupt hören zu können. Sie wird übertönt von externen Einflüssen und geht dadurch unter.

Wie Du es schaffst, Deine innere Stimme, Deine Intuition wahrzunehmen:

Schaffe Dir Ruheräume

Wenn es so laut ist, dass Du die Stimme nicht hören kannst, dann besteht eine sehr einfache Methode darin, Dich möglichst dem Lärm zu entziehen. Wenn der äußere Lärm nachlässt, dann reduziert sich automatisch auch der innere Lärm. Innen wie Außen. Und wie genau? Gerne ganz wörtlich, indem Du Dich in eine ruhige Ecke in Deiner Wohnung zurückzieht und dort Deine ganz eigene Ruhe findest. Eine Meditation eignet sich wunderbar.

Viele Menschen suchen gerne Orte in der Natur auf, an denen sie ein besonderes Energielevel empfinden. Im Wald, am Meer, an einem Wasserfall oder in den Bergen. Genau so kann es auch die Gartenlaube sein oder die Leseecke auf dem Dachboden. Hauptsache, Du fühlst Dich dort wohl und kannst zur Ruhe kommen. Ich empfehle einen Timer zu stellen und für fünf, zehn oder zwanzig Minuten dem Rauschen der eigenen Gedanken zu lauschen und wie es langsam abebbt. Die Stille genießen. Die eigene Lebendigkeit spüren. Ein leichtes Kribbeln im Körper, ein Gefühl von Energie. Dem Atem folgen. Den Moment annehmen mit allem, was er ist und nicht ist. Ein Lächeln zulassen.

Vor einer Sache möchte ich warnen: Am Anfang kann dieser Prozess schmerzhaft sein. Es besteht die Gefahr, dass Du in der aufkeimenden Langweile mit aller Heftigkeit auf Deine schwelende Unzufriedenheit triffst, von der Du Dich sonst stets ablenkst. Der Mensch kann nicht alleine still in einem Raum sitzen. – Blaise Pascal. Eine Menge unserer heutigen Probleme rühren genau daher. Aber sei nicht zu hart zu Dir.

Nachdem Du einige Momente der Stille gelauscht hast und die Gedanken sich verflüchtigen wie Wolken am Himmel gelangst Du zu einem angenehmen inneren Frieden. Hier und da begegnen Dir noch Deine Themen. Aber das lässt dann nach. Dich auf den Atem und Stille zu konzentrieren sind hierbei kraftvolle Werkzeuge, die die Aufmerksamkeit lenken und zur Ruhe führen. Das Bewusstsein defokussiert sich, die Wahrnehmungsfilter werden gröber und Du gelangst zu neuen Perspektiven. Die innere Stimme zeigt sich hier und da durch Einfälle, durch Bilder, Vorstellungen und Erkenntnisse. Es tauchen kleine Geistesblitze auf. Eine Idee oder eine Ahnung flimmert auf in der gedanklichen Peripherie .

Doch auch wenn es nicht sofort funktionieren mag rate ich dazu, vorerst einfach stoisch dabei zu bleiben. Eine neue Diät führt auch nicht innerhalb weniger Tage zu Gewichtsverlusten und nach der ersten Woche Jogging des Lebens ist man noch lange nicht in der Lage, einen tollen Marathon zu absolvieren. Ausdauer und Kontinuität sind mächtig. Langfristige Hingabe schlägt kurzzeitige Intensität.

Schreibe

Während es bei den Ruheräumen vornehmlich darum geht, die innere Stimme passiv wahrzunehmen, gehst Du beim Schreiben direkt zu deren Expression über. Viele Künstler bedienen sich der sogenannten ‚Morning Pages‘: sofort nach dem Aufstehen fängt man an seinen Bewusstseinsfluss niederzuschreiben. Ohne Korrekturen. Ohne Zensuren. Einfach schreiben wie der Geist die Feder führt. Indem Du Dich auf die innere Stimme konzentrierst, gibst Du ihr den Raum zu wachsen und sich zu entfalten. Man könnte fast sagen, sie fühlt sich dadurch gehört und wird mitteilungsfreudiger.

Ebenso kannst Du Dir nach einer Meditation einige Momente zum Schreiben nehmen um die aufgetauchten Impressionen zu notieren.

Persönlich habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, Kalligraphie zu üben und zwischendurch meine Einfälle niederzuschreiben. Beim Kalligraphieren komme ich in einen meditativen Zustand, bei dem ich die Verbindung mit meiner Stimme bereits stärker erlebe. Und während ich dann bereits schreibe, fügt es sich, die Einfälle niederzuschreiben ohne mental die Gänge wechseln zu müssen.

Je länger Du Dich dem widmest, desto besser kannst Du Deine innere Stimme wahrnehmen. Nach und nach wird es für Dich ein Automatismus. Du erkennst klarer, was Dir wichtig ist in Deinem Leben und triffst schneller bessere Entscheidungen.

Mache einen Intuitions-Spaziergang

Erstmals von Teal Swan gehört. Die innere Stimme ist eine intuitive Instanz unserer Selbst. Ein Intuitions-Spaziergang funktioniert wie folgt: Du gehst ohne Ziel aus dem Haus und entscheidest Dich jeweils spontan Deiner Eingebung folgend für einen Weg.

Das hilft besonders denjenigen, die sonst stets starr bestimmten Plänen und Regimen folgen und sich kaum jemals die spontane Entscheidungsfreiheit gönnen. Auf so einem Spaziergang sich im wahrsten Sinne einfach gehen zu lassen ist für solche Kandidaten durchaus eine Überwindung, wirkt unterwegs aber sehr befreiend.

Vorab solltest Du darauf achten, ein ausreichend großes Zeitfenster zu nehmen. Wenn Du merkst, dass der Spaziergang in ausgefallene Gefilde führt und sich immer weiter entfaltet, ist es kontraproduktiv auf einen Termin achten zu müssen. An einem freien Tag morgens einfach zu starten ist daher durchaus eine gute Idee. Ich empfehle, Dein Smartphone zuhause zu lassen und für den Fall, dass Du die Orientierung verlierst, Dich einfach treiben zu lassen und so gut Du kannst darauf zu vertrauen, dass Du den Weg zurück wieder finden wirst.

Übe freie Expression

Dem Schreiben sehr ähnlich ist diese Methode, bei der Du jedes Medium nutzen kannst, das Dir beliebt. Tanze, schreie, male, gestikuliere. Einfach machen. Lass’ es raus. Jede Art von verrückt spielen ist erlaubt ebenso wie völlig unscheinbare Selbstkommunikation für die weniger expressiven Kandidaten. Dann und wann mache ich mir laute schnelle Musik an und tanze dann wild durch den Raum. Sehr befreiend für mich. Wie ein Ventil.

Wichtig ist wieder, Dir Zeit und Raum zu schaffen, ungestört sein zu können und Dir selbst dann einfach freien Lauf zu lassen. Anfangs kann es Überwindung kosten, die hier beschriebenen Aktivitäten auszuprobieren. Wenn Du Dich noch nie oder lange nicht mehr nach Innen geöffnet hast, dann kann ein solches Experiment ebenso seltsam und einschüchternd sein wie eine Begegnung mit einer fremden Person. Du muss Dir hier selbst mit Geduld begegnen und einfach mit dem anfangen, was Dir gerade hochkommt. Wenn Du Dir dabei komisch vorkommt, ist das sogar ein wichtiges Zeichen in die richtige Richtung. Es weist auf eine neue Erfahrung hin, die das hier auch sein soll. Auf bislang nicht beschrittenen Wegen lauern die spannendsten Abenteuer. Es lohnt sich also, am Ball zu bleiben!

Mache einen Retreat

Sich einen Retreat, also einen Rückzug, zu genehmigen, ist wie <Punkt 1 – Raumschaffen> in einer vergrößerten Variante. Hier nimmst Du Dir einige Tage oder Wochen, manche machen sogar Monate daraus, und begibst Dich in ein Kloster ohne eine ähnliche Einrichtung. Gerne naturnah. Hauptaugenmerk sollte darauf liegen, dass Du dort ungestört von äußeren Einflüssen und Anfragen Dich auf eine Reise nach Innen begeben kannst. Kombinieren lässt sich das mit einer Entgiftungskur, bei der man auf bestimmte Nahrungsmittel verzichtet. Dies führt bereits zu veränderten Bewusstseinszuständen, erhöht die mentale Klarheit und bringt auf neue Ideen. Teilweise werden Retreats in Gruppen veranstaltet; man unternimmt gemeinsam verschiedene Aktivitäten wie Wandern, Meditieren, Yoga oder dergleichen und reflektiert dann gemeinsam darüber. Die Dynamik der Gruppe kann den Effekt verstärken. Man findet sich in seiner kleinen eigenen Welt ein und kann sich gegenseitig hochschaukeln. Andere mögen es lieber ganz für sich und ohne jegliche Kommunikation abgesehen vom Nötigsten. Dann mag ein Trapistenkloster genau das richtige sein.

Was waren Deine Kindheitsträume?

Besinne Dich auf das, was Du als Kind besonders gerne gemacht hast und besonders gerne sein wolltest. Wovon hast Du geträumt? Welche Orte mochtest Du besonders gerne und welche Aktivitäten, welche Spielzeuge? Als Kind ist man seiner Intuition noch wesentlich näher als später im Erwachsenenalter. Eine Erinnerung an das, was einst das Herz hat höher schlagen lassen, kann daher sehr aufschlussreich sein auch für kommende Lebensphasen.

Wenn möglich suche die Orte, an denen Du als Kind viel und gerne Zeit verbracht hast wieder auf und gehe dort in Dich. Welche Erinnerungen erscheinen Dir, welche Geräusche und Gerüche sind Dir besonders präsent? Stelle Dir vor wie Du hier warst und gespielt hast und wie es sich angefühlt hat, völlig gedankenlos im Moment zu sein. Frage Dich, kannst Du etwas von damals mitnehmen ins Jetzt? Vielleicht fällt Dir etwas ein, was Du gerne ausprobieren möchtest. Oder Du hast Lust Deine Lieblingsspeise von damals mal wieder zu kosten.

Meditiere, praktiziere Yoga

Bereits mehrfach angesprochen verdienen diese Methoden hier noch eine gesonderte Erwähnung. Sämtliche Techniken von Meditation, Yoga, autogenem Training etc. führen zu einer Entschleunigung und zu einer bewussten Fokussierung auf die Gegenwart, auf den Moment und dadurch zu einer feineren Wahrnehmung der eigenen Intuition und inneren Stimme. Du kannst solche Techniken in allen Lebenslagen einsetzen; sie zu erlernen verschafft Dir daher einen äußerst flexiblen Werkzeugkoffer, um bewusster zu leben und mit Deiner eigenen Intuition, Deiner inneren Stimme in Kontakt treten und zu bleiben.

Verbringe Zeit in der Natur

Die Natur wirkt auf den Menschen. Du bist der Teil der Natur. Unnatürlich ist es, wie die meisten von uns heute leben: In Boxen. Haus, Auto, Büro, Telefon, Computer. Die meiste Zeit spielt sich der Fokus Deiner Aufmerksamkeit irgendwo in einem quaderförmigen Ding ab. Die Rückbesinnung auf die Natur erleben wir als äußerst wohltuend. Ein Spaziergang im Wald. Waldbaden – Shinrin-yoku – nennen es die Japaner.

Begebe Dich bewusst mit Deinen Themen in die Natur. Nehme eine konkrete Frage und meditiere bei einem Wald- oder Strandspaziergang darauf. Lehne Dich an einen Baum oder setze Dich ins Gras oder beides. Lasse die Ruhe der Natur auf Dich wirken. Erlebe dadurch die Ruhe in Dir und horche nach Antworten auf Deine Fragen oder genieße es einfach, dort zu sein.


Zusammenfassung

Einen Draht zu haben zu Deiner Intuition, zu Deiner inneren Stimme verhilft Dir zu guten Entscheidungen und einem Mehr an Lebensqualität. Um diese Verbindung aufzubauen bzw. zu verstärken schaffe Dir Ruheräume, um diese Instanz Deiner Selbst wahrnehmen zu können. Übe Dich darin, dieser Instanz Ausdruck zu verschaffen indem Du schreibst, tanzt, gestikulierst oder einen Intuitionsspaziergang machst. Besinne Dich auf Deine Kindheitsträume und verbringe Zeit in der Natur.

Viel Freude dabei.

Bis zum nächsten Mal

Dein Lion

Kommentare gerne an kontakt@lionlogert.com.

8 Gedanken zu „Darf ich vorstellen: Deine Intuition

Kommentare sind geschlossen.