Chinesische Gehirnwäsche für Deinen Erfolg (1)

Teil 1/2: „Salami-Taktik“.

In Teil 1 dieser Artikelserie geht es darum, eine Methode der Gehirnwäsche – weithin bekannt als ‚Salami-Taktik‘ – zum eigenen Vorteil zu verwenden. Der Leser ist dazu eingeladen, seine nicht völlig moralisch einwandfreien Assoziationen mit den Begriffen ‚Gehirnwäsche‘ und ‚Manipulation’ für die Dauer dieses Textes hinten anzustellen, sich auf die Lektüre einzulassen und auf diese Weise vielleicht zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Gehirnwäsche ebenso wie Manipulation stets danach zu bewerten sind, mit welcher Intention sie erfolgen. Andererseits darf derjenige Leser, dessen moralisch nicht einwandfreien Assoziationen ihn dazu verführt haben, hierher zu kommen, sich gerne weiter führen lassen und das ‚Gute‘ im ‚Schlechten‘ für sich entdecken.

Chinesische Gehirnwäsche

In den Jahren 1950-1953 befanden sich amerikanische Soldaten im Rahmen des Koreakriegs in chinesischer Gefangenschaft. Was dort vor sich ging, ist aus psychologischer Sicht hoch interessant und dient in diesem Artikel als Fallbeispiel für die Anwendung von Manipulation und Gehirnwäsche zu Zwecken des persönlichen Fortschritts. Hierfür sind zunächst die Vorgänge in den Gefangenenlagern zu skizzieren, um an diesen die eingesetzten Methoden aufzuzeigen. Anschließend gibt der Text Anwendungsbeispiele für den individuellen Einsatz.

Wie funktionierte die chinesische Gehirnwäsche?

Die Chinesen folterten die Amerikaner nicht. Sie beleidigten sie nicht einmal. Sie gingen mit ihnen auf eine Art und Weise um, die sie sicher nicht erwartet hatten: Sie behandelten sie wie Menschen. Sie boten ihnen Kaffee und Zigaretten an und unterhielten sich mit ihnen beinahe freundschaftlich. Die Szenerie mutete kuschelig an im Vergleich zu dem, worauf man als Kriegsgefangener mental eingestellt war. Die Gehirnwäsche begann langsam und unauffällig. Man unterhielt sich miteinander und die Chinesen stellten viele Fragen. Sie wollten die Amerikaner schließlich kennen lernen. Das war alles. So schien es jedenfalls. Sie fragten die gefangenen Amerikaner nach deren Ansichten zum amerikanischen Politiksystem. Sie fragten nach Kritikpunkten am Politiksystem. Man interessiere sich einfach dafür. Irgendetwas gab es doch bestimmt, das nicht völlig perfekt war? Die gefangenen Amerikaner, kooperativ gestimmt gegenüber den Feinden wegen der humanen Art des Umgangs, ließen sich überreden. Das Prozedere erschien harmlos. Es war nicht viel dabei, kleine Kritikpunkte am eigenen System zu offenbaren. Diese waren – wie in jedem System – tatsächlich vorhanden. Man hatte zwar ein unterschwellig ungutes Gefühl in der Magengegend, insgesamt erschien die Angelegenheit aber ausreichend unverfänglich. So benannten sie im mündlichen Gespräch ihre kritischen Ansichten. Salamischeibe Nummer eins. Als nächstes baten die Chinesen sie darum, eine Liste zu erstellen von diesen Schwachpunkten. Man interessiere sich einfach dafür. Es gehe um nichts weiter, nur darum, sich besser kennen zu lernen. Die Amerikaner ließen sich darauf ein. Die Chinesen waren ja auch so nett zu ihnen. Salami Scheibe Nummer zwei. Im nächsten Schritt baten die Chinesen die Amerikaner darum, einen unterschriebenen Aufsatz zu formulieren von den in der Liste genannten Schwachpunkten des amerikanischen Systems. An sich eine jetzt durchaus kühne Forderung. Die Amerikaner waren allerdings bereits in das Fahrwasser geraten, das die Chinesen hier bereitet hatten. Scheibe Nummer drei. Zuletzt verlasen die Chinesen die Aufsätze per Lautsprecher im Gefangenenlager unter Angabe des jeweiligen Autors. Die Verfasser der Texte sahen sich nun in einer verzwickten Lage. Sie konnten nicht leugnen, was sie dort geschrieben hatten. Das einst hadernd gedachte Gedankengut hatte die gefürchtete schwarz-weiße Realität der Schriftform angenommen. Sie hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt bereits so intensiv mit den Schwächen des amerikanischen Systems auseinandergesetzt, sich so sehr auf dessen wunde Punkte fokussiert, dass sie vielfach tatsächlich davon überzeugt waren, es sei weitgehend oder sogar überwiegend defizitär. Die Gehirnwäsche hatte gefruchtet. Schließlich mussten sie sich im Moment der Verlesung vor den anderen Häftlingen rechtfertigen. Sie wurden angefeindet und als Kollaborateure angeprangert, weil sie solch regime-kritische Aussagen getätigt hatten. In der Position, sich gegen diese Attacken zu verteidigen, verhärteten sich ihre kritischen Ansichten noch weiter.

Soviel zur Geschichte der chinesischen Gehirnwäsche.

Persönliche Anwendung

Welche Werkzeuge wurden eingesetzt und wie lassen sich diese auf das Feld des persönlichen Fortschritts übertragen?

Vorweg: es gibt zahlreiche Methoden zu erkennen in dem Beispiel der chinesischen Gehirnwäsche. Teil 1 dieser Artikelserie konzentriert sich auf die sogenannte ‚Salami-Taktik‘.

Diese Taktik beruht auf zwei Säulen:

  1. Durch minimales Entgegenkommen (Kaffee, Zigaretten) kleine Eingeständnisse einfordern (Äußerung von Kritikpunkten) und
  2. von den kleinen Eingeständnissen überleiten zu immer größeren (mündliche Äußerung – schriftliche Liste – Aufsatz mit Unterschrift).

An sich ist diese Taktik nichts neues. Man bezeichnet sie auch als ‚Baby Steps‘, ‚kleine Brötchen backen‘, ‚Ein Schritt nach dem anderen‘ etc. Jeder, der sich mit Coaching und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt, wird recht bald damit in Berührung kommen. Wie das aber mit den augenscheinlich einfachen Dingen häufig so ist, vergisst der Mensch sehr schnell, sie auch anzuwenden. Wenn eine Technik zu einfach wirkt, verringert das ihre wahrgenommene Effektivität.

Wie funktioniert der Einsatz der Technik in der Persönlichkeitsentwicklung?

Säule 1 – Durch minimales Entgegenkommen kleine Eingeständnisse fordern.

Was bei den Chinesen eine Zigarette, eine Tasse Kaffee oder einfach ein scheinbar freundschaftliches Gespräch waren, das kann in der persönlichen Anwendung jedes kleine Geschenk an sich selbst sein. Ein Stück Schokolade. Ein Spaziergang. Eine Folge der Lieblingsserie. Ein Glas Wein. Belohnungen in Aussicht stellen für kleine Selbstüberwindungen. So kann eine Verhandlung ablaufen im täglichen Geschäft des persönlichen Fortschritts. Das zugrundeliegende Prinzip lautet Reziprozität, also Gegenseitigkeit. Wenn ich Dir ein Geschenk gebe, dann übergebe ich Dir damit gleichzeitig die moralische Obliegenheit, diese Schuld eines Tages zu begleichen. Interessanterweise können minimale Geschenke oder Eingeständnisse meinerseits Dich dazu bringen, Deine Schuld eines fernen Tages im Übermaß wieder auszugleichen, mir erheblich mehr zu zahlen, als Du je erhalten hast. Die Zinssätze muten bei dieser Art von Geschäft wucherhaft an. Dabei muss man sich nicht selbst verarschen wie den Esel mit der Karotte vor der Nase. Die Belohnungen dürfen real eintreffen. Sie dürfen nur nicht außer Verhältnis stehen zum erbrachten Einsatz. Nach zehn Liegestützen eine Flasche Wein, das wäre verfehlt. Das passende Maß ist zu finden. Am besten, man setzt die Regeln vorher fest. Eine Strategie, eine Verhandlungsbasis, die vorab entschieden und dann eingehalten wird. Für je 10 Minuten Sport gibt es ein Glas Wein. Zum Beispiel. Je nach Geschmack kann man hier frei gestalten.

Säule 2 – Von den kleinen Eingeständnissen überleiten zu immer größeren.

Die zweite Säule dürfte manch einem bekannt sein als Frosch-im-Wasser Technik. Wenn man einen Frosch ins heiße Wasser wirft, springt er heraus. Setzt man ihn ins lauwarme Wasser und erhitzt dieses langsam stetig, so wird der Frosch gekocht. So jedenfalls die Theorie. In der Praxis funktioniert das (zum Glück) nicht. Der Frosch springt aus dem Wasser bevor er gekocht wird, unabhängig von der Anfangstemperatur. Die Idee ist unterdessen trivial: man arbeitet in kaum bis gar nicht wahrnehmbaren Schritten auf ein Resultat hin. Das Zielobjekt bemerkt den Prozess nicht. Bis es zu spät ist.

Auf der persönlichen Ebene funktioniert diese Technik hervorragend. Wenn man einen Marathon absolvieren möchte, steigert man seine Läufe in Länge und Intensität stetig über drei bis vier Monate. Wenn man früher aufstehen möchte, verschiebt man die Weckzeit pro Woche um zehn bis fünfzehn Minuten. Wenn man mit dem Rauchen aufhören möchte, reduziert man den Zigarettenkonsum wöchentlich minimal bis eines Tages die heilige letzte Kippe im Aschenbecher verglimmt.

Schlussworte

Die chinesische Gehirnwäsche war perfide, trivial, unauffällig und effektiv. Wer sich dafür begeistert, die Wirkungsweisen der eigenen Psyche zu verstehen und anzuwenden, dem kann sie als hervorragendes Fallbeispiel dienen. Dieser Artikel beleuchtete die ‚Salami-Taktik‘ als ein Werkzeug für den persönlichen Fortschritt. Im nächsten Teil der Serie wird eine weitere Taktik aus dem Arsenal der chinesischen Gehirnwäsche vorgestellt.

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Bis zum nächsten Mal

Dein Lion