Braucht man Coaching?

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Über Chancen, Grenzen und Utopien im Life-Coaching.

In Gesprächen zum Thema Coaching begegnet mir immer wieder die Frage, ob man nicht ein spezielles Problem braucht, um sich coachen zu lassen. Andernfalls sei das doch gar nicht nötig. Ich erinnere mich dazu an die kuriose Begebenheit als ein Klient das Gespräch damit eröffnete, er wolle es mir leicht machen und habe daher ein Problem mitgebracht. Zunächst scheint diese Bemerkung offensichtlich. Ist es denn nicht so, dass der Klient an den Coach herantritt mit einer Fragestellung, für die wir dann eine Lösung, eine Antwort erarbeiten? Im weitesten Sinne stimmt das. Im Coaching geht es schließlich darum, einen Prozess anzustoßen, der zu irgendeiner Verbesserung führen soll, zu irgendeiner Form von Fortschritt. Das impliziert, dass zunächst etwas irgendwie schlecht, also verbesserungsbedürftig oder aber rückständig, also fortschrittsbedürftig sein muss. Andernfalls könnte es ja diesen Prozess nicht geben.

Der Ansatz erscheint logisch. Coaching arbeitet jedoch in der Regel anders.

Um dies zu erläutern, starten wir mit einer Frage und beleuchten dann einen Beispielsfall von einem Coaching-Prozess. Abschließend werde ich drei Grenzen des Life-Coachings und eine seltsame Utopie besprechen.

Beginnen wir mit einer weiteren Frage

Wir kommen der Sache auf die Schliche, wenn wir uns mit der Antwort auf die simple Frage beschäftigen: Warum begibt sich jemand in ein Coaching?

Diese Frage führt uns dahin, den Coaching-Prozess genauer zu betrachten. Dessen Anfangspunkt markiert namentlich ein Zustand, der bereits gut ist, der jedoch noch verbessert werden kann und will.

Der Leidensdruck des Klienten entspringt der Einsicht, dass er zu mehr in der Lage ist als sein Status Quo es reflektiert. Er findet sich wahrscheinlich irgendwo in diesem Niemandsland, in dem es ihm nicht so richtig gut geht, wo es aber auch noch kaum schlimm genug ist, um etwas zu verändern. Es ist bei ihm die Erkenntnis entstanden, dass bewusste und gezielte Veränderung zu einer Erhöhung an Lebensqualität führt. Die Erkenntnis, dass er die Verantwortung hat für sein eigenes Leben. Er sitzt in letzter Instanz am Steuer seines Lebensbusses und niemand sonst. Nur er kann in seinem eigenen Leben etwas initiieren. Wenn nicht er die Entscheidungen trifft, dann tut es jemand anders. Der Chef, die Partei, die Partnerin oder wer auch immer. Diese Erkenntnis ist eingetreten, mehr oder weniger bewusst. Noch fehlt jedoch die Umsetzung, die Handlung. Oder sie gelingt nicht. Genau hier setzt Coaching an.

Es zeigt sich: der Klient ist nicht rückständig, es geht ihm nicht schlecht. Es handelt sich nicht um einen pathologischen Zustand, den er beeinflussen möchte. Er ist normal selbstständig lebensfähig. Es geht ihm „ganz gut“.

Das Problem: ‚Gut‘ ist der Feind von ‚Großartig‘. Wenn Du Dich an ‚Gut‘ gewöhnt hast, dann willst Du es nicht mehr loslassen; doch genau das ist fast immer nötig, um nach ‚Großartig‘ zu gelangen. Wenn Du einen Hügel bestiegen hast, kommst Du nicht auf den nächsten Hügel, ohne vorher erst einmal wieder herabzusteigen.

Zur näheren Veranschaulichung nun ein Fall aus der Praxis:

Ein Beispielsfall

Nehmen wir uns nun folgendes Beispiel zur Hand: Martin Winter, 36 Jahre, Ingenieur, verheiratet, zwei Kinder. Er schilderte mir sein Anliegen wie folgt:

Eigentlich geht es mir ja ganz gut. Ich möchte mich wirklich nicht beklagen. Ich habe einen interessanten und sicheren Job und bin gut bezahlt. Lebe in einer glücklichen Ehe mit zwei gesunden, munteren Kindern. Wir fahren regelmäßig in den Urlaub. Wir sind zufrieden miteinander. Ich bin meinerseits sehr gesund, achte auf meine Ernährung und beschäftige mich mit Achtsamkeit. Es passt irgendwie alles. Aber trotzdem, ich habe das Gefühl, dass da noch mehr ginge, dass ich im Leben mehr erreichen könnte als bisher und noch zufriedener sein. Zum Beispiel laufen unsere Abende schon seit Jahren auf die gleiche Weise ab, die ich nicht schlimm aber auch nicht richtig toll finde. Gegen acht Uhr bringen wir die Kinder ins Bett. Dann schauen wir die Nachrichten und anschließend bleiben wir meist vor dem Fernseher hängen. Irgendwann zwischen zehn Uhr und Mitternacht gehen wir ins Bett. Viele leben so. Aber ich finde, ich könnte meinen Abend wesentlich besser gestalten.

Hier zeigte sich der konkrete Angriffspunkt. Der Klient verbrachte seine Abende auf eine Weise, wie es wahrscheinlich zig Millionen Menschen weltweit tun. Ohne viel Nachdenken vor dem Fernseher versacken. Sich berieseln lassen. Mit leerem Kopf abwarten bis es Zeit ist, ins Bett zu gehen.

Um die Motivation für eine Veränderung zu vergrößern, machen wir uns zunächst daran, die negativen Aspekte des Status Quo herauszustellen. Mit durchschnittlich zwei Stunden pro Abend an mindestens fünf Tagen in der Woche verlor der Klient im Monat 40 Stunden an das Fernsehgerät. Er verbrachte umgerechnet eine komplette Arbeitswoche pro Monat mit Fernsehsendungen. Hier und da mag ein guter Film dabei gewesen sein oder eine interessante Reportage. Der Klient erklärte aber ausdrücklich, dass er an den meisten solcher Abende eher gelangweilt den Fernseher irgendwann abschaltete, ohne jeglichen Mehrwert von dem Programm erhalten zu haben. Er verlor also tatsächlich eine komplette Arbeitswoche pro Monat. Eine ganze Menge Zeit für Nichts. Hinzu kam, dass er während der Sendungen sich kaum mit seiner Frau unterhielt. Sie saßen nebeneinander ohne viel zu kommunizieren. Auch wenn sie die Abende scheinbar miteinander verbrachten, kamen sie einander nicht näher und hatten nichts von der gemeinsamen Zeit.

Zudem verlor er die Zeit, die er sich mit anderen Dingen hätte beschäftigen können. Er erzählte, dass er schon seit langem wieder mehr E-Piano spielen wollte aber nie dazu kam und hatte die Idee, dies an einigen Abenden wieder verstärkt zu betreiben.

Nachdem wir auf diese Weise sein künftiges Alternativprogramm skizziert hatten, betrachteten wir uns die langfristigen Auswirkungen der jeweiligen Handlungsoptionen. Hätte er einfach so weitergemacht wie bisher, dann wäre schlichtweg nichts geschehen. Er hätte nicht gemerkt, was ihm entgeht, hätte allenfalls hier und da den Gedanken gehabt, dass alles irgendwie besser gegangen wäre. Es zeigt sich: Ein Festhalten am Status Quo erscheint nicht dramatisch. Und das ist eine der größten Gefahren. Denn als wir danach den Blick darauf warfen, wie sich sein optimales Abendprogramm auf Dauer auf sein Leben auswirken würde, bekam der Klient leuchtende Augen. Er schilderte mir, wie er tolle Abende mit seiner Frau verbringen würde und sie einander noch besser kennen lernten. Sie könnten gemeinsam etwas unternehmen, sich unterhalten und Pläne machen und Spaß haben. An zwei Abenden würde er E-Piano spielen. In einigen Monaten könnte er auf diese Weise seinen Stand von früher wieder aufholen und in einem halben Jahr wäre er wahrscheinlich schon ein wenig darüber hinaus gelangt. Darüber hinaus würde er sein Leben mehr genießen können und selbstbestimmt gestalten. Er würde sich an manchen Abenden Zeit nehmen um zu reflektieren und sich Gedanken und Pläne machen für kommende Erfahrungen. Er könnte Bücher lesen und sich persönlich weiterentwickeln. Insgesamt wäre es dann mehr und mehr ‚sein Leben‘.

Schließlich installierten wir ihm noch einen Anker: Mit der ausklingenden Melodie der Tagesschau würde er sich künftig direkt vom Sofa erheben und sich an sein neues, bewusst gestaltetes Abendprogramm begeben.

Nach einigen Monaten traf ich ihn nochmals bei einer Abendveranstaltung. Er hatte seit unserer Sitzung kaum noch Zeit vor dem Fernseher verbracht, lebte noch bewusster und war ein glücklicherer Mensch geworden. Eine einzige Session hatte ihm die Initialzündung gegeben um von ‚Gut’ nach ‚Großartig‘ zu gelangen. Er hatte die anfängliche Überwindung aufgebracht, das gewohnte Muster ‚Abendprogramm‘ zu unterbrechen und ein neues installiert. Seine Lebensqualität und seine Gestaltungsfähigkeit haben dadurch deutlich zugenommen.

Drei Fallstricke und eine Utopie

Kommen wir abschließend zu sprechen auf Begrenzungen, die im Life-Coaching wie überall sonst im Leben nicht zu verhehlen sind und auf eine Utopie, die Leben verändern kann.

Erster Fallstrick: Die Beziehung zwischen Coach und Klient muss stimmen.

Essentiell für einen erfolgreichen Coaching-Prozess ist zunächst die gute Beziehung zwischen Coach und Klient. Die Chemie muss stimmen. Man muss sich aufeinander einlassen können. Manchmal passt man einfach nicht zusammen. Weder Coach noch Klient würden dann von der Zusammenarbeit profitieren, beide würden Ressourcen in Gestalt von Zeit und Aufmerksamkeit verschwenden, der Klient dazu auch noch sein Geld. Das ist der Grund, warum ich stets die erste Einheit gratis anbiete. Ich muss eine Verbindung herstellen zu dem Klienten und für mich herausfinden, ob und wie ich etwas für sie oder ihn tun kann. Habe ich den Eindruck, dass dem nicht so ist, dann ist es meine Verantwortung als Coach, von weiterer Zusammenarbeit Abstand zu nehmen; selbst wenn der Klient gerne weitere Einheiten wahrnehmen würde.

Zweiter Fallstrick: Der Klient muss willig sein.

Der Klient muss die Bereitschaft mitbringen zu intensivem Einsatz und zur Veränderung, die manchmal eine radikale Wandlung bedeuten kann. Im Artikel Wozu sich völlig verausgaben? beschrieb ich bereits, wie wichtig für das eigene Wachstum und die Lebensgestaltung es ist, sich aktiv in Strapazen zu begeben, sogar nach ihnen zu suchen. Der Coach zeigt dem Klienten, welche Strapazen und Herausforderung für ihn sinnvoll sind; meistern muss er sie anschließend selbst. Er muss an seine Grenzen gehen und darüber hinaus, weil genau dort das Wachstum stattfindet. Das Leben beginnt jenseits der sogenannten Komfortzone. In diesem Bereich des bislang nicht gekannten Lebens können heftige Veränderungen stattfinden, die alles bislang dagewesene in Frage stellen. Viele Menschen haben deswegen Angst vor ihrem eigenen Erfolg. Er führt sie in Lebensbereiche, die so völlig anders sind als das, was sie vorher kannten, dass es bedrohlich ist, weil ungewohnt. Coaching ist für den Klienten nichts, was er passiv konsumieren kann. Die Klientin muss den Wandel selbstständig vollführen.
An dieser Stelle lasse ich mich der Vollständigkeit halber dazu hinreißen, eine geliebte „Ausnahme“ zu erwähnen: Hypnose. Ein Klient kontaktierte mich im Abstand von jeweils einigen Monaten für eine Einheit. Ich versetzte ihn dann in eine Hypnose und setzte anschließend Suggestionen, die sein Unterbewusstsein in der Folge auch wunderbar umsetzte. Einmal fertigte er seine Seminararbeit im Rahmen seines Jurastudiums mit Top-Note in Rekordzeit, ein ander Mal fing er sofort an morgendlich Sport zu machen und sich vorbildlich zu ernähren. Dergleichen funktioniert. Besagter Klient stand gleichwohl mit beiden Beinen fest im Leben. Es ging ihm gut, er hatte Lust auf mehr. Mittels Hypnose konnten wir ihn feinjustieren. Eine Gefahr von Abhängigkeit bestand nicht einmal im Ansatz. Wir verpassten ihm mit der Hypnose lediglich eine Starthilfe, die ihm auf den ersten Metern Halt gab bevor er dann aus eigener Kraft die gewünschten Veränderungen weiter umsetzte und verwirklichte. Es ist hier wieder die Verantwortung des Coaches, den Klienten in Verbindung mit dessen eigener Gestaltungsfähigkeit zu führen, ihn an das Steuer seines Lebensbusses zu setzen.

Dritter Fallstrick: Die Grenzen der Physik.

Manche Menschen haben irreale Vorstellungen. Ein 150kg Berserker wird schwerlich ein Jockey bei Pferderennen werden und wohl auch kein Hochsprung Weltmeister. Warum würde er so etwas überhaupt wollen? Das weiß man nie. Aber würde es ihn glücklich machen? Auch das weiß man nie. Allerdings steckt hinter solchen Wünschen immer ein anderes, unbewusstes Motiv. Das, was so ein Mensch sich erhofft durch Erreichung seines Ziels, ist immer etwas, das er auf anderen Wegen tatsächlich erreichen kann. Diese versteckte Motivation kristallisiert ein Coaching-Prozess. Der Klient kommt seinem Traumleben näher und das kann etwas völlig anderes sein als das, was er ursprünglich glaubte zu wollen. Für mehr Input zum Themenkreis Selbsterkenntnis, siehe meinen Artikel Was ist Life-Coaching? – Unterpunkt 3: Der Coach vermittelt Einsicht und (Selbst-)Erkenntnis..

Eine Utopie: Der schwarze Schwan.

Von Nassim Nicholas Taleb kann man vieles über die Welt lernen, in der wir heute Leben. Im Schwarzen Schwan* erläutert er die Unterschiede zwischen dem früheren ‚Mediokristan‘ und dem heutigen ‚Extremistan‘. Was das sein soll? Ein kleines Beispiel: noch vor 150 Jahren konnte in einem kleinen italienischen Dorf der dortige Musiker mit mittelmäßiger aber herzlicher Qualität und viel Charme sein Auskommen sichern durch regelmäßige Auftritte in der näheren Umgebung. Seit Erfindung der Tonaufnahme hat er es schwer. Stichwort: Skalierbarkeit. Heute gibt es Menschen ohne erkennbares Talent, die auf Videoplattformen im Internet in kurzer Zeit ein Millionenumsätze verzeichnen indem Sie den Zeitgeist und den richtigen Nerv treffen.
Was hat das mit dem hiesigen Thema zu tun? Wir leben in einer Zeit der Neudefinition und der massiven Umstrukturierung. Alles kann. Nichts muss. Ein Präsident, der vornehmlich über Twitter kommuniziert. Ein Unternehmen, das Wasserrechte privatisiert. Und dergleichen mehr. Was das für den einzelnen bedeutet: ein praktisch unendlicher Zuwachs an Möglichkeiten verbunden mit der Gefahr, sich hilflos zu verzetteln. Viele Menschen sind orientierungslos. Sie wissen sie nicht, wie sie ihr Leben gestalten können und wollen in Anbetracht der unheimlichen Fülle von Optionen, die einem jeden offen stehen. Auch hier leistet ein Coaching wertvolle Hilfe. Näheres dazu in meinem Artikel Was ist Life-Coaching – Unterpunkt 4: Der Coach gibt Anleitung, Strategie und Inspiration.

Fazit

Es zeigt sich: Niemand hat ein Coaching nötig aber (fast) jeder kann davon profitieren. Jeden kann mit einem speziellem Problem in einen Coaching-Prozess einsteigen, aber niemand braucht ein Problem, um sich effektiv coachen zu lassen. Es reicht ein unterschwelliges Gefühl von Unzufriedenheit und/oder die pure Lust auf ein Mehr an Lebensqualität. Der Rest entwickelt sich im Coaching wie von selbst. Von der initialen Erkenntnis der Problemkreise über die Entwicklung konkreter Lösungsstrategien bis hin zu der kontinuierlichen Ausführung dieser Strategien.

Ich lehne mich hier nur ein kleines bisschen zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass es um Leben und Tod geht. Tatsächlich geht es um den Unterschied zwischen Leben und Überleben. Die meisten Menschen sterben mit Anfang zwanzig, werden aber erst mit achtzig beerdigt. Sie gewöhnen sich an den Schmerz. Die sanft nagende Unzufriedenheit irgendwo im Unterton der Lebenswirklichkeit. Jahrzehnte lang vegetieren sie dahin ohne klare Richtung, ohne Ziele, ohne jemals sich tief lebendig und glückselig gefühlt zu haben. Dabei kann Veränderung so einfach gehen. Sobald die Initialzündung geschehen, der Ball ins Rollen gekommen ist, entfaltet sich der Prozess häufig wie von allein. Eins führt zum anderen. Das heißt nicht, dass keine Rückschläge und Umwege mehr gibt. Die gehören dazu. Das ist das Leben. Aber die Gesamttendenz gelangt in die richtige Richtung. Der Klient lebt bewusster, kennt sich selbst besser, entscheidet effektiver und ist dadurch insgesamt zufriedener und glücklicher. Und all das manchmal nach nur einer einzigen Session.

Bis zum nächsten Mal.

Dein Lion

Kommentare gerne an kontakt@lionlogert.com.