All Deine verbotenen Gedanken

Willst Du mit Deinen Dämonen tanzen?

Zwei Geschichten.

Im mittleren Westen der USA hatte ein Dammbruch ein Tal geflutet. Dörfer wurden zerstört. Menschen starben. Es gab immense Sachschäden. Viele der Beteiligten sprachen von einer ‚Naturkatastrophe‘. Ein Indianer sprach, das Tal habe sich selbst gereinigt. Naturkatastrophen zerstören künstliche Gebilde.

Der Manager eines großen Automobilkonzerns hatte über Jahre hinweg hervorragende Arbeit geleistet. Er war angesehen, verdiente gut. Zu keinem Zeitpunkt hatte jemand bei ihm eine Veränderung bemerkt. Es schien ihm äußerst gut zu gehen. Bei der Vorführung eines neuen Modells stieg besagter Herr dann auf das Dach dieses Wagens und sprang schreiend darauf herum. Der Gipfel eines langen Geistes-Krankheitsweges, der bis dahin unentdeckt geblieben war. Karriere beendet.

Dem Biest begegnen

Es heißt, die Gedanken seien frei. Sind sie es wirklich? Bist Du manchmal erschrocken von Deinen eigenen Gedanken und versuchst sodann, sie zu verdrängen – sperrst sie ein, die sie frei sein sollten? Wir alle erleben das. Der persönliche Fetisch. Die unausgesprochenen Begierden. Rachegelüste. Gedanken wie Neid, Missgunst, Abfälligkeit. Kaum jemals explizit kommuniziert. Gedanken, die teilweise äußerst grausam sind und sozial geächtet wären, würden sie öffentlich. Gewaltfantasien, die manch einen Folterknecht als harmlos erscheinen ließen. Sexuelle Vorlieben, für die es (noch) kein Porno-Genre gibt, die wahrscheinlich strafbar wären. Grotesk anmutende Liebhabereien, die den Angehörigen der Durchschnittsbevölkerung wochenlang vor Ekel erschaudern ließen (obgleich dieser selbst nicht anders ist, er weiß es nur nicht).

Hier trifft der Mensch auf seine dunkle Seite, seine Dämonen, sein Biest.

Und wenn der Mensch versucht, sein inneres Biest zu verdrängen, geht das selten gut aus. Das Biest verschafft sich seinen Ausdruck. Indem es in das Bewusstsein, in die Gedankenwelt eindringt in Gestalt solcher Fantasien und Begierden wie oben beschrieben.

Um das Verständnis der Problemstellung zu vertiefen, kommen wir hier noch einmal zurück auf die Frage vom Anfang: Sind die Gedanken frei? Theoretisch sind sie es. Kein Gedanke ist verboten. Niemand kann mich daran hindern, einen Gedanken zu denken. Es gibt keine Sanktionen für ‚böse‘ Gedanken. Aber befassen wir uns einmal mit dem Einfluss der sozialen Konditionierung auf unsere gedanklichen Betätigungen: hier erkennen wir, dass uns zwar niemand von außen explizit vorschreibt, was wir denken dürfen und was nicht, dass wir aber uns selbst mit der internalisierten Stimme der gesellschaftlichen Angepasstheit unsere Gedankeninhalte diktieren. Wir beschränken uns durch Scham und Pein; wir erlauben uns die ‚guten‘ Gedanken und wenden uns schockiert ab von den ‚schlechten‘, die wir verdrängen und negieren. Wir verbieten es uns, diese Gedanken zu denken. Als Mitglied einer gesellschaftlichen Gruppe fühlen wir uns unterbewusst deren Regeln verpflichtet. Unsere Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe war einst für unser Überleben notwendig und ist noch heute in unserer DNA verankert. Ursprüngliche Bereiche unseres Gehirns sorgen dafür, dass wir nicht aus dem Rahmen fallen. Tief unterbewusst fühlen wir uns verpflichtet, unsere dunkle Seite zu verdrängen. Andernfalls drohte der Ausschluss aus der Gruppe. Man kann die Reichweite der Angst vor sozialer Ächtung daran erkennen, dass die größte Angst der meisten Menschen nicht diejenige vor dem Tod ist sondern diejenige vor dem ‚Public Speaking‘ – dem Sprechen in der Öffentlichkeit. Auch beim ‚Public Speaking‘ geht es darum, die Zugehörigkeit nicht auf’s Spiel zu setzen durch einen missratenen ‚Auftritt‘.
Seinfeld schusterte einst den Witz daraus, dass der Mensch bei einer Beerdigung lieber im Grab liegt als die Trauerrede halten zu müssen.

Daran ist nicht alles verkehrt. Damit ein gesellschaftliches Zusammenleben funktioniert, sind einige Regeln unabdingbar. Andernfalls entstünde Anarchie. Dass wir uns orientieren an den Gepflogenheiten unserer sozialen Umgebung, das ist streckenweise sehr gesund und sinnvoll.

Problematisch indes ist der hierbei auftauchende Interessenkonflikt. Jeder Mensch hat seine dunkle Seite, sein Biest, seine Dämonen – das liebe Kind hat viele Namen. Es ist Teil der Persönlichkeit, natürlich und authentisch. Verdrängungsmechanismen sind langfristig ungesund. In diesem Falle auch äußerst unwirtschaftlich: Studien haben erwiesen, dass zahlreiche Unternehmen signifikante Effizienzeinbußen dadurch erleiden, dass offene Konflikte unterbunden werden und infolgedessen eine Kultur heimlicher Intrigen das zwischenmenschliche Klima infiziert. Wer dauerhaft verdrängt, der endet wie der Manager aus obiger Geschichte.

Freund Dämon

Befassen wir uns jetzt damit, eine gesunde Beziehung, eine Freundschaft zur dunklen Seite aufzubauen und beginnen dies, indem wir ein grundsätzliches Missverständnis auflösen: Deine dunkle Seite ist nicht ‚böse’. Ganz im Gegenteil. Sie ist eine Quelle von Intuition, Kraft und Einsicht. Strahlend düster. Auf wunderbare Weise völlig ohne Verstand. Reines Gefühl. Keine Gedanken. Reine Intuition. Nicht künstlich, hundert Prozent pur. Reine Gewalt. Reine Liebe. Reines Leben. Ein vibrierendes Kraftfeld. Extreme Polare. Intensität. Furchtlos. Zeitlos. Ein heißer Schrei. Völlig frei.

In Deiner dunklen Seite begegnen Dir Deine Unberechenbarkeit, Deine Wahnsinns-Energie, Deine Obsession und Deine harte Liebe.

Je mehr Du in Verbindung mit Deiner dunklen Seite stehst, desto authentischer bist Du. Du empfindest bedingungslose Selbst-Liebe, weil Du alle Teile Deines Selbst annimmst und ihnen Beachtung schenkst. Es gibt nichts mehr, das Du vor Dir selbst zurückhältst. Du spielst nicht länger Verstecken mit Deiner eigenen Persönlichkeit. Du stehst zu Dir. Du kannst offen und ungeschützt auf das Leben zugehen. Du bist nicht mehr davon abhängig, beständig Zuneigung von anderen zu erhalten. Denn Du erfährst Deine vollste eigene Zuneigung. Du hältst Dir selbst den Rücken frei, wenn es sein muss. Du gelangst auf eine neue Ebene von Kreativität; die Ideen sprudeln. Geküsst von Deiner Dunkelheit erkennst Du Schattierungen und Facetten, die vorher überblendet waren. Die einstigen Kollerateralschäden der Verdrängungsmechanismen entfallen. Zudem bist Du weitaus energetischer. Denn Du verschwendest weniger Energie darauf, Dein Biest im Keller eingesperrt festzuhalten. Der Druck der verdrängten Gelüste löst sich auf. Andererseits fließt umso mehr Energie aus Deiner Dunkelheit durch Dich im Tanz mit Deinen Dämonen. Du kannst Dein Biest reiten, Dich von ihm tragen lassen.

Drei Wege zu Freund Dämon

Werden wir nun konkreter und wagen uns heran an die Wege, auf denen Du eine Freundschaft zu Deiner dunklen Seite aufbauen und vertiefen kannst. Machen wir einen Spaziergang mit Deinem Dämon und schenken ihm Freiraum.

1. Vertraue.

Vertrauen ist essentiell. Möglich, dass Du Angst vor Deiner dunklen Seite hast, weil sie Dich einst in Schwierigkeiten brachte. Versuche, zu begreifen, dass Deine Dämonen es nicht böse meinten. Deine Dämon-Interessen sind Deine eigenen Interessen, auch wenn Du das manchmal nicht wahrhaben wolltest. Erkenne in Deinen dämonischen Gedanken und Fantasien einen Teil von Dir. Übe dadurch ein ganzheitliches Selbst-Vertrauen: Vertraue auch Deinem Dämon-Selbst. Wenn Du ein Kopfmensch bist, dann fällt Dir das hier vermutlich besonders schwer (ich hatte dieselben Probleme). Wir befinden uns jenseits von Verstand und Intellekt. Gehe hinein ins Gefühl, spüre Deine Intuition. Gehe ganz kleine Schritte – nur soviel, wie Du jetzt verträgst -, um die Einflüsse Deiner dunklen Seite in Deiner Lebenswirklichkeit zuzulassen. Wie das genau funktioniert, dazu sogleich.

2. Schenke Aufmerksamkeit

Kommuniziere mit Deinem Dämon. Meditiere auf seine Präsenz in Deinem Leben. Wie fühlt es sich für Dich an, dass es Deine dunkle Seite gibt? Welche Gelüste und Eindrücke vernimmst Du von dort? Du brauchst hier noch keinen Impulsen nachzugehen. Beschäftige Dich einfach nur damit. Stelle Deinem Biest Fragen: Wie fühlst Du Dich? Was wünschst Du Dir von mir? Was würdest Du jetzt gerne tun? Was möchtest Du mir sagen? Tue das am besten schriftlich. Schreibe einen Brief an Deinen Dämon. Wenn es sich richtig anfühlt, kannst Du auch einen Brief an Dich aus Sicht Deines Dämons verfassen. Wie sieht er Dich? Was möchte er Dir mitteilen?
Die Beziehung ist bei Beginn wahrscheinlich seit Jahren vernachlässigt. Sie braucht Zeit, um wieder aufzuleben. Wenn man ein völlig verdrecktes Fenster beginnt zu reinigen, dann sieht man zunächst nur einen winzigen Lichtkegel eindringen. Je weiter man fortschreitet, desto heller wird es. Es dauert etwas, bessert sich aber stetig.

3. Verschaffe dem Dämon Ausdruck

Wenn Du soweit bist, mache Dich daran, in kleinen Schritten in Einklang mit Deiner dunklen Seite zu agieren. Welche Wünsche hat Dir Dein Dämon im zweiten Schritten offenbart? Erfülle ihm einen oder auch mehrere. Tue etwas, das sich nach Deinem Biest anfühlt. Sage jemandem klar Deine kritische Meinung. Esse mit den Händen. Höre Musik zu laut. Lasse Dich auf einen Konflikt ein. Gehe zu einer Theater-Gruppe und spiele die Rolle eines Bösewichts. Trete etwas fordernder auf als sonst. Denke nicht lange nach sondern küsse das Mädchen. Reite den Dämon. Renne, fluche, schreie. Schwitze, weine. Lasse alles raus. Sei die Flut. Reinige das Tal.

Bis zum nächsten Mal

Dein Lion

Kommentare gerne an kontakt@lionlogert.com.